Dokument-Nr. 560
Mausbach, Joseph an Pacelli, Eugenio
Münster, 29. Oktober 1923

Abschrift
Excellenz! Hochwuerdigster, hochverehrter Herr Nuntius!
Nach Ueberzeugung aller Kenner des Wirtschaftslebens droht uns in Deutschland für die nächsten Monate eine furchtbare Lebensmittelnot und in ihrem Gefolge blutige Unruhen, wenn nicht unsere Sieger in letzter Stunde ein Einsehen haben und aufgrund unserer voelligen Ergebung uns wirtschaftlich und politisch eine Atempause zur Neuordnung und notdürftigen Sanierung gestatten. Herr Kardinal Schulte gibt dieser Ueberzeugung so eben aus unmittelbarer Anschauung heraus in einem Aufruf der Koelner Volkszeitung an die Katholiken der ganzen Welt ergreifenden Ausdruck. Von unseren Kriegsgegnern erkennen England, Italien, Amerika und Japan ebenfalls, dass augenblicklich sich die Entscheidung zuspitzt zwischen einer solchen billigen und humanen Ruecksichtnahme oder aber dem Chaos und der Zerruettung des Abendlandes. Nur Frankreich und Belgien, zwei "katholische Nationen", bleiben unversoehnlich, durchkreuzen jene Milderungsversuche und treiben augenblicklich durch Unterstuetzung der separatistischen Umtriebe das katholische Rheinland in immer groessere Not und Bedraengnis. Diese Haltung, diese gefuehllose Ablehnung aller Angebote eines Besiegten, der sich völlig ergeben hat, wird auch von vernuenftig und christlich
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denkenden Auslaendern als ein erschreckendes Schauspiel unchristlicher Haerte empfunden. In Deutschland aber leiden Tausende frommer Katholiken unter dieser Erbarmungslosigkeit von Glaubensgenossen seelisch noch tiefer und schmerzlicher als unter dem wirtschaftlichen Druck; nach so vielen schweren Enttaeuschungen bemaechtigt sich heute ihrer Seelen eine Stimmung der Verzweiflung, ein Irrewerden an den Troestungen der Religion und an der Macht des katholischen Gedankens. Das gilt auch von solchen, die durchaus nicht nationalistisch denken und gern bereit sind, für manche Fehler im eigenen Lager zu leiden und zu buessen. Sie erkennen auch in dankbarer Ruehrung die unausgesetzten Liebesbeweise des hl. Vaters an; sie glauben fest an seine nachdrueckliche politische Arbeit im Stillen zur Besserung unserer Lage. Was sie ersehnen, das waere eine oeffentliche Kundgebung, ein erloesendes Hirtenwort in dieser äussersten Not und Krise der christlichen Welt, das jenes oeffentliche Aergernis unchristlicher Hartherzigkeit zurechtweist und heilt und die Grundsaetze des Friedens, die Pius XI. in seinem ersten Rundschreiben so herrlich dargelegt hat, von neuem einschaerft – angesichts der Todesnot oder unbezweifelbaren Todesgefahr eines Volkes! Ein solches Schreiben, das die rein politische Seite des Gegensatzes gar nicht zu beruehren brauchte, wuerde fuer das deutsche katholische Volk ein Aufatmen, eine Neubelebung des Glaubens und der Hoffnung bewirken; es wuerde auch in der ganzen Welt, Frankreich ausgenommen, mit ehrerbietigem Danke
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aufgenommen werden. Es wuerde aber auch fuer Frankreich selbst vielleicht die erloesende Krise bedeuten; das Erwachen aus einer Hypnose, in die es durch Poincaré versetzt ist. Die Katholiken Frankreichs, die unseren deutschen Bischoefen keinen Glauben schenken und bona fide an unserer Boeswilligkeit und Gefaehrlichkeit festhalten, wuerden sich vielleicht doch belehren lassen, wenn der hl. Vater von seiner übernationalen, hoechsten Warte aus und nach unparteiischer Prüfung der Verhaeltnisse ihnen versichert, dass es sich jetzt nicht mehr um gefaehrdetes Recht handelt, sondern um Pflichten allgemeinster Humanitaet und christlicher Versöhnlichkeit!
Sollte aber eine solche Kundgebung, die unmittelbar auf die Aussoehnung und Friedfertigkeit der Voelker gerichtet wäre, nicht angaengig erscheinen, so bliebe meines Erachtens noch ein zweiter Weg, der Aussicht auf Rettung bietet, und zwar ein solcher, der ganz in der Linie der bisherigen hochherzigen Liebestaetigkeit des hl. Vaters liegen wuerde. Papst Benedikt XV. und Papst Pius XI. haben die Mildtaetigkeit der ganzen Welt aufgerufen fuer die hungernde und sterbende Bevoelkerung Russlands, und sie haben dabei Verstaendnis und Entgegenkommen in allen Laendern gefunden. Wenn nun – aufgrund der Notrufe deutscher Bischoefe und der unparteiischen Erkundigungen des hl. Stuhles – ein aehnliches Schicksal für Deutschland zu befuerchten ist, ja in sicherer Aussicht steht, so wuerde ein oeffentlicher Appell des Papstes an alle Völker zu milden Spenden für Deutschlands Notleidende als rein cari-
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tative Entschliessung und Mahnung nichts Auffallendes haben. Die in solcher Kundgebung enthaltene Schilderung der Notlage unseres Volkes wuerde aber von selbst und stillschweigend auch aller Augen auf die Quelle der Not, auf die Blindheit und Erbarmungslosigkeit derjenigen hinlenken, die den Friedensvertrag zu einem Werkzeug der Zerstörung des Voelkerfriedens machen. So wuerde doch das oeffentliche Gewissen der Menschheit aufgeruettelt und erhellt; so wuerde auch das deutsche Volk in seiner Umnachtung und Verlassenheit – nicht nur leiblich, sondern auch seelisch und sittlich – getroestet; so wuerden die deutschen Katholiken durch diesen stillschweigenden, aber vielsagenden Protest gegen schrankenlos triumphierende Gewalt neubelebt in ihrem Gottvertrauen und in ihrer Zuversicht zur Gerechtigkeit und Liebe des kirchlichen Oberhirten.
Zwischen dem Russland von 1921/22 und dem Deutschland von 1923 besteht freilich der Unterschied, dass der Hungertod in Russland bereits eine Massenernte hielt, waehrend heute in Deutschland der bleiche und blutige Schrecken erst sich ankuendigt. Aber dieser Unterschied bedeutet wohl keine Abschwaechung, sondern eher eine Verstaerkung unserer Bitte um Hilfe; ist es doch verdienstlicher, ein Massensterben zu verhueten, als es im weiteren Fortschreiten einzudaemmen. Ueberdies wuerde der volle Zusammenbruch bei uns seelisch und religioes unheilvoller wirken wegen der empfindsameren Seelen- und Bildungslage; er wuerde auch fuer andere Nationen verderblicher sein, weil unsere Kultur mehr fortgeschritten und enger mit der des Westens und Suedens verwachsen ist. –
Wollen Ew. Excellenz die Freiheit guetigst entschuldigen, mit der ich mir gestattete, das in einigen Worten auszusprechen, was dunkler oder klarer viele Herzen bewegt, – es geschah ebensosehr aus Sorge um die religioese Ruhe und Festigung unserer Katholiken, vor allem der Gebildeten, wie aus Liebe zum deutschen Vaterlande.
In ausgezeichneter Verehrung
Ew. Excellenz ganz ergebener
(gez.) Dr. Mausbach, Dompropst und Univ. Prof.
Empfohlene Zitierweise
Mausbach, Joseph an Pacelli, Eugenio vom 29. Oktober 1923, Anlage, in: 'Kritische Online-Edition der Nuntiaturberichte Eugenio Pacellis (1917-1929)', Dokument Nr. 560, URL: www.pacelli-edition.de/Dokument/560. Letzter Zugriff am: 28.09.2022.
Online seit 24.10.2013.