Kriegszustand in Estland

Im Zuge der Russischen Februarrevolution und der Abdankung des Zaren im März 1917 konnten auch die estnischen und lettischen Autonomiebestrebungen bei der Provisorischen Regierung in Petrograd erfolgreich durchgesetzt werden. Im Juli 1917 wurde eine provisorische estnische Provinzversammlung gewählt, in der die sozialistischen und nicht-sozialistischen Parteien ungefähr gleich große Stimmenanteile erzielten.
Daneben bildeten sich aber auch von den Bolschewiken dominierte Sowjets, die im Rahmen der Oktoberrevolution 1917 auch in der estnischen Provinz ein entscheidender Machtfaktor wurden. Bei den Wahlen zur russischen Konstituante im November 1917 erlangten die Bolschwiken in Estland 40 Prozent der Stimmen.
In Reaktion darauf und auf das Vordringen der deutschen Truppen erklärte sich die Provinzversammlung im November 1917 zur höchsten Autorität in Estland.
Als die Konstituante im Januar 1918 unmittelbar nach ihrem Zusammentreten von den Roten Garden zersprengt wurde, begann der russische Bürgerkrieg. Auch in Estland gingen die Bolschewiken nun zu einer aggressiven Politik über. Ihnen blieb jedoch kaum Zeit, um ihre Macht zu konsolidieren, weil die anrückenden deutschen Truppen schon im Februar 1918 die Bolschewiken dazu zwangen, sich aus Estland und Livland zurückzuziehen.
In diesem kurzen Machtvakuum erklärte der Exekutivausschuss der estnischen Provinzversammlung, das Befreiungskomitee, am 24. Februar 1918 die Unabhängigkeit Estlands.
Im März 1918 verzichtete Russland im Frieden von Brest-Litowsk zugunsten des Deutschen Reichs auf das Baltikum, was dem deutschbaltischen Adel die Gelegenheit gab, seine Macht zurückzuerobern. Die deutsche Novemberrevolution entzog diesen Bestrebungen jedoch abrupt die Grundlage. Am 11. November bildete sich eine provisorische estnische Regierung unter Konstantin Päts.
Die russische bolschewistische Regierung erklärte den Vertrag von Brest-Litowsk für gegenstandslos und die Rote Armee marschierte Ende 1918 ins Baltikum ein. Der Osten Estlands wurde besetzt und eine Sowjet-Regierung unter Jaan Anvelt eingesetzt. Sie betrieb u.a. eine gegen die Kirche gerichtete Terror-Politik. Es war jedoch vor allem ihre Agrarpolitik, die sie viele Sympathien in der Bevölkerung kostete.
Im Januar 1919 begann mit Unterstützung finnischer Freiwilliger und britischer Truppen die Gegenoffensive der konterrevolutionären Weißen Garden. Bis zum Frühjahr 1919 war die Rote Armee aus Estland vertrieben. Estnische Truppen drangen daraufhin nach Lettland vor und besiegten die dortigen deutschen Truppen, wurden aber im Sinne der anti-bolschewistischen Front von der Entente gezügelt.
Estland wurde gleichzeitig durch russische Truppen der Weißen Armee, die sich im Lande befanden, in den Russischen Bürgerkrieg hineingezogen. Die Rote Arme zerschlug diese jedoch vor Petrograd und marschierte erneut in Estland ein, wo sie im November und Dezember allerdings von estnischen Truppen an der Narva gestoppt wurden. Am 2. Februar 1920 schließlich war Lenin gezwungen, einen Frieden mit Estland zu schließen und die Unabhängigkeit des Landes anzuerkennen.
Literatur
BRÜGGEMANN, Karsten, Die Gründung der Republik Estland und das Ende des "Einen und unteilbaren Rußland". Die Petrograder Front des russischen Bürgerkriegs 1918-1920, Wiesbaden 2002.
KASEKAMP, Andres, A History of the Baltic States, Basingstoke u. a. 2010, S. 95-105.
RAUCH, Georg von, The Baltic States. The Years of Independence. 1917-1940, London 1974.
Empfohlene Zitierweise
Kriegszustand in Estland, in: 'Kritische Online-Edition der Nuntiaturberichte Eugenio Pacellis (1917-1929)', Schlagwort Nr. 2044, URL: www.pacelli-edition.de/Schlagwort/2044. Letzter Zugriff am: 28.09.2022.
Online seit 04.06.2012, letzte Änderung am 25.02.2013.
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