Dokument-Nr. 13656
Fournelle, Heinrich an Bertram, Adolf Johannes
Tatralomnitz, 29. September 1921

Abschrift.
Euerer Eminenz
habe ich am 24. Maerz d. J. ein Schreiben gesandt mit einer wahrheitsgemaessen Darstellung der Vorgaenge, die den Verband der katholischen Arbeitervereine / Sitz Berlin / Ende 1919 zur zwangsmaessigen Aufloesung der von Papst Pius X allein empfohlenen katholischen Gewerkschaften unentrinnbar gedraengt haben.
Heute fuege ich noch hinzu den Bericht, den Herr Arbeitersekretaer Paul Richter, unser Vorstandsmitglied als den wortgetreuen Hergang seiner Audienz bei Euerer Eminenz am 22. Oktober 1919 in St. Clemens in Berlin pflichtgemaess mir als dem Vorsitzenden des Verbandes erstattete und zur Niederschrift in die Feder diktierte. Er lautet:
"Der Bischof: Herr Richter ich muss Ihnen das sagen, mein Vertrauen zum Vorstand des Berliner Verbandes ist vollstaendig erschuettert.
Richter: Fuerstliche Gnaden, das ist sehr schmerzlich fuer mich, ich gehoere auch dem Vorstand an, und wenn ich das Vertrauen meines Bischofs nicht habe, in dessen Dioezese ich arbeite, dann ist mir die weitere Arbeit unmoeglich.
Bischof: Wenn ich vom Verstand spreche, dann meine ich denjenigen, der den Vorstand vertritt, und das ist der Fournelle. Zu dem Manne kann ich keine Beziehungen unterhalten, und ich werde keine Correspondenz mit ihm fuehren.
Richter: fraegt, was da vorliege.
Bischof: Der treibt keine gradlinige Politik. Da wird mir geschrieben, der Vorstand erblickt in den Leitsaetzen eine geeignete Unterlage zu Verhandlungen / mit den christlichen Gewerkschaften / und dann versendet der Fournelle ein Schreiben, in dem die Rede von einer gegen den Verband gerichteten Aktion, welche man als Verstaendigungsaktion bezeichne. Das ist keine gradlinige Politik; ich bin fuer gradlinige Sachen.
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Richter: In diesem Schreiben des Generalsekretaers ist ganz und gar nicht ein Vorwurf gegen den Bischof enthalten; mit den angefuehrten Worten sind nur diejenigen Treiberein gegen den Verband gemeint, die seit Februar d. J. im Gange waren, namentlich durch / die aus dem Verbande entlassenen / Dr. Fleischer, Windolph und andere Abtruennige veranlasst. Ich winderholte diese Worte drei-bis viermal und wies nach, wie die christlichen" Zeitungen und Sekretaere gegen den Verband vorgingen, schon die Auslieferung der Mitglieder, Listen verlangten; das alles sei in der Hauptsache das Treiben von Fleischer.
/ Seine Zeitungsberichte ueber "Aufhoeren der katholischen Gewerkschaften", die oberschlesische Volkszeitung in Ratibor: "Die Einigung sei schon perfekt" /, wodurch die Verbands-Mitglieder irregefuehrt, die Sekretaere verwirrt gemacht wuerden, als ob alles schon erledigt sei.
Bischof setzte sich ueber alles dies weg, ging auf nichts ein und wiederholte den Vorwurf von der nicht gradlinigen Politik ebenfalls drei-bis viermal und immer und immer wiederholte er, dass er keine Verbindung mehr mit Fournelle halten wolle."
Richter fuegte seinem Bericht an den Generalsekretaer hinzu: Ich habe mit dem Bischof gekaempft um den Generalsekretaer wie ein Loewe. Es half nichts.
Richter: Bischoefliche Gnaden, wir sind ja bereit zu dem von Ihnen verlangten Opfer der Aufloesung unserer katholischen Gewerkschaften, wenn wir und die Arbeiter wuessten, dass der hl. Vater dieses wuensche; koennen wir das sagen?1
Bischof / ganz rot vor Aufregung /: "Herr Richter, wenn ich Ihnen das sage, so ist es auch so. Wenn die Bischoefe Ihnen das sagen, dann sollen Sie das auch tun. Unser Nuntius in Muenchen hat das ja Ihren beiden Herren / Fournelle und Beyer /, die bei ihm waren, gesagt; er hat mir das geschrieben. Unser Nuntius" <Der Herr Nuntius hatte den beiden Herren muendlich erklaert, er habe erst durch die Zeitungen von dem Schreiben des Cardinals von Koelen an Fournelle Kenntnis erhalten. Auf die Einwendung Beyers, dass bei den Verstaendigungs-Verhandlungen mit den Christlichen doch nichts herauskomme, dieselben seien ueberfluessig, erwiderte der Nuntius: Sie muessen aber dennoch mit den Christlichen diese Verhandlungen fuehren, weil die Bischoefe das verlangen; wir muessen dann sehen, was dabei herauskommt und wie es dann weiter geht. Fournelle sagte: Gewiss wir werden so verhandeln und das Resultat mitteilen.>2
Eminenz, in meinem Schreiben vom 24.3.d.J. habe ich klar
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dargelegt, dass ich in der getreuesten Weise mich an die mir persoenlich sowohl als amtlich gegebenen und oft wiederholten Weisen des Cardinals Kopp, des Papstes Pius X und der Enzyklika Singulari quadam gehalten habe, und dafuer habe ich deren Anerkennung in der explicitesten Weise in meinen Haenden. Ich bin ausserdem bereit, in dieser Hinsicht schriftliche Zeugnisse aller fuer mein Handeln massgebenden Instanzen, so des Verbandsvorstandes, der Bezirkspraesides-Konferenz, der Generalversammlung des Verbandes, des Ehrenverbandspraeses Dr. Kleineidam und vieler hochstehender Maenner geistlichen und weltlichen Standes vorzulegen. Daraus ist zu ersehen, dass der von so hoher Stelle gegen mich erhobene Vorwurf falsch ist und zurueckgenommen werden muss.
Ich habe dargelegt, dass ich als Leiter des Verbandes, als Priester und anstaendiger Mensch dieses mein Amt, das ich 19 Jahre lang zu leiten die grosse Ehre hatte, niederzulegen gezwungen war, nachdem der zustaendige Bischof, Euere Eminenz, durch ein Mitglied des Vorstandes des Verbandes, Herrn Arbeitersekretaer Paul Richter in jener Audienz vom 22. Oktober 1919 in Berlin mir erklaeren liessen, dass Sie als Bischof mich, den Leiter des katholischen Arbeiterverbandes boykottieren wollten, so lange ich Vorsitzender desselben bliebe.
Ich fuege noch hinzu, dass ich dieses mein Amt besonders deshalb niederzulegen gezwungen war, weil der zustaendige Bischof, Euere Eminenz, mir durch dasselbe Vorstandsmitglied mitteilen liessen, dass Sie die Aufhebung der katholischen Gewerkschaften forderten und dass das auch der Wille des hl. Vaters sei.
Die letztere Behauptung habe ich nie geglaubt, musste aber mit meiner Amtsniederlegung mich bescheiden, da durch den Beschluss der Fuldaer Bischofskonferenz, mein und des Vorstandes Schreiben nach Rom vom 24. Mai 1919 nicht weiter zu befoerden, wie das die Enzyklika Singulari quadam feierlich zugesagt und bestimmt hatte, jeder andere legitime Weg zum hl. Vater abgeschnitten worden war.
Euerer Eminenz habe ich in dem gleichen Schreiben vom 24.3.21. dargelegt, dass das in derselben Audienz mir ausgesprochene Urteil Euerer Eminenz in einer untergeordneten Sache, ich haette in einem Circular an einige Funktionaere des Verbandes, das, wie vordem 1000 andere, meine Unterschrift trug, keine gradlinige Politik getrieben, irrtuemlich, ungerecht und kraenkend ist. Eine Widerlegung dieses Irrtums ist mehrmals
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muendlich und schriftlich durch die einzig massgebenden Vorstandsmitglieder des Verbandes und aller anderen competenten Instanzen Euerer Eminenz gegenueber erfolgt. Euerer Eminenz habe ich in meinem Schreiben vom 24.3. dieselbe Widerlegung gegeben, die vor jedem Richterstuhl, geistlichem und weltlichem, als vollwertig behandelt wird. Ist es doch die Berufung auf das gewissenhafte Urteil derjenigen Personen und Instanzen, die allein berechtigt und im Stande sein, authentische Erklaerungen abzugeben. Das Urteil unverantwortlicher aussenstehender Apostaten des Verbandes, wie etwa Dr. Fleischer und Curatus Windolph hat vor einem unparteiischen Richter keinerlei Wert.
Euere Eminenz haben aber leider nicht, wie ich instaendigst und ehrerbietigst gebeten hatte, diesen ungerecht erhobenen Vorwurf gegen mich zurueckgenommen; im Hohen Schreiben vom 29. Maerz 21. haben Sie meine und der Vorstandsmitglieder Widerlegung so behandelt, als ob sie Ihnen nicht vorgelegen haette.
Bei dieser Gelegenheit aber will ich schliesslich auch nicht unterlassen, Euerer Eminenz ganz untertaenigst zu bemerken, dass es mir auch heute noch unbegreiflich ist, dass Euere Eminenz diese letztere sehr untergeordnete Angelegenheit betreffs eines leider von Euerer Eminenz sogar missgedeuteten und nicht fuer Aussenstehende, sondern fuer den internen Dienst bestimmten Circulars an einige Sekretaere so hoch bewerteten und daraus ohne Untersuchung und Befragen so weitgehende Folgerungen gezogen haben, waehrend es sich doch in Wirklichkeit um eine ganz andere hochbedeutsame Frage der kirchlichen Lehre und Disciplin und des Wohles der katholischen Arbeiter handelte, nämlich um Tod oder Leben der vom Papst geforderten katholischen Gewerkschaften.
Ich bitte also nochmals, Euere Eminenz moechten die Gnade haben und diese meine Angelegenheit erneut pruefen und die darin ausgespochene Bitte mir gnädigst bald erfuellen zu wollen.
Euerer Eminenz schulde ich noch eine Erklaerung fuer mein scheinbares langes Schweigen auf das Schreiben Euerer Eminenz vom 29.3.21.
Nachdem ich mein Amt als Vorsitzender des Verbandes der katholischen Arbeiter-Vereine / Sitz Berlin / Ende 1919 niedergelegt hatte, lud mich der mir befreundete Herr Graf Oppersdorff auf sein Schloss Oberglogau als Gast ein, damit ich nach der 19-jaehrigen ueberaus schweren Arbeits- und Sorgenzeit, die ich im Dienste des kath. Arbeiterverbandes in Berlin verbringen musste und die mir ein schweres Herzleiden verursachte, mich
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erholen koenne. Ich habe mich seither von der Oeffentlichkeit gaenzlich zurueckgezogen; ich reagierte auf keinerlei Anregungen, die an mich gerichtet wurden, die gegen die kath. Arbeiterbewegung gerichteten Ungerechtigkeiten oeffentlich klarzustellen. Am 9. April d. J. erschien in der No. 176 der Schlesischen Volkszeitung ein Artikel gegen den Grafen Oppersdorff wegen seiner Politik in der Abstimmungsfrage, der sich aber in seinem zweiten Teil in Wirklichkeit gegen mich wandte und mit verschiedenen "Vielleicht" und "Es koennte sein" so etwas wie Deutschfeindlichkeit zu meinen Ungunsten construierte, um am Schluss auf diesem schwankenden Fundament von etlichen "Vielleicht" die positiven Folgerungen einer wirklichen deutschfeindlichen Gesinnung und Handlungsweise aufzubauen. Ein Meisterstueck der Verleumdung, fuer das der mir wohlbekannte Verfasser und auch die Schlesische Volkszeitung vor Gott schuldig bleiben. Ich habe vorgezogen, dazu zu schweigen. Meine 20-jaehrige Taetigkeit zu Gunsten der kath. Arbeiterschaft Deutschlands steht zu hoch, als dass der Verfasser dieses Artikels sie besudeln koennte.
Dieser Artikel wurde gleich darauf von Breslau an einen Domkapitular und Professor von Trier gesandt als Material zu den im Fruehjahr d. J. im Auftrag Euerer Eminenz veranlassten Verhandlungen ueber den Berliner Verband - ein Beweis dafuer, dass man den erwaehnten Artikel hauptsaechlich auf mich und auf den frueher von mir geleiteten kath. Arbeiterverband gerichtet sah.
Dieser Artikel der Schlesischen Volkszeitung war schuld daran, dass, als der deutsche Insurgentenaufstand sich im Gegensatz zum gleichen polnischen Aufstand in Oberschlesien bildete, bewaffnete Insurgenten mich am 6. Mai gleich nach der [h]l. Messe in meinem Arbeitszimmer mit roher Gewalt ueberfielen, als Polenfreund mich verhafteten, durch die Strassen der Stadt Oberglogau wie einen Schwerverbrecher mehrere Stunden lang herumschleppten und mir koerperliche und seelische Qualen antaten. Fuenf Stunden lang war ich in den Haenden eines deutschen Banden-Anfuehrers, dem jetzt 20 Morde zur Last gelegt werden und nun geflohen
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sein soll. Dann hat der sogenannte Selbstschutz von Oberglogau, auf dessen Befehl seine Verhaftung erfolgt war, sich zwar entschuldigt, doch zwang er mich mit Waffengewalt, das dortige Gebiet sofort zu verlassen. Ich konnte seither ohne Lebensgefahr nicht mehr nach Oberglogau zurueckkehren. Meine Correspondenz, darunter auch eine bereits fertiggestellte sehr ausfuehrliche Antwort meinerseits auf das Schreiben Euerer Eminenz vom 29.3.21. wurde mir von den Organen des sogenannten Selbstschutzes gestohlen. Ich habe seither alle fuer den Diebstahl Verantwortlichen in Oberglogau um Zurueckgabe meiner Correspondenz und das Schreiben an Euere Eminenz gebeten, aber bisher ohne Erfolg. Mir bleibt nur der Weg der gerichtlichen Klage gegen die schuldigen Diebe uebrig.
Ich brauche hier nicht zu beteuern, dass ich in Politik weder nach dieser noch nach jener Seite hin mich irgendwie betaetigt habe; die geistlichen Herren aus Oberglogau werden mir das bezeugen können.
In groesster Ehrerbietung
Euerer Eminenz
ergebenster
Dieses Schreiben ist eine Anlage zu Dokument Nr. 13017.
1Am linken Seitenrand hds. von unbekannter Hand notiert: "N.B. Herr Cardinal leugnete ein Jahr später diese Berufung auf den Papst getan zu haben".
2Hds. von unbekannter Hand hinzugefügt.
Empfohlene Zitierweise
Fournelle, Heinrich an Bertram, Adolf Johannes vom 29. September 1921, Anlage, in: 'Kritische Online-Edition der Nuntiaturberichte Eugenio Pacellis (1917-1929)', Dokument Nr. 13656, URL: www.pacelli-edition.de/Dokument/13656. Letzter Zugriff am: 21.02.2024.
Online seit 23.07.2014, letzte Änderung am 24.06.2016.