Dokument-Nr. 16313
Vertreter der Katholischen Arbeiterinternationale an Pius XI.
[Ohne Ort], vor dem 20. August 1929

Heiligster Vater!
Eine Vertretung der katholischen Arbeitervereine verschiedener Länder erscheint vor Dir, um Deiner Heiligkeit ehrfurchtsvolle Glückwünsche zu Deinem goldenen Priesterjubiläum darzubringen. Sie erneuert bei dieser Gelegenheit mit besonderer Innigkeit das Gelöbnis unwandelbarer Treue zur heiligen Mutter, der Kirche und des Gehorsams gegen Dich, den Stellvertreter Jesu Christi auf Erden.
Unsere katholischen Arbeitervereine haben, wie wir schon früher berichten konnten, im vorigen Jahre auf einem besonderen Kongress zu Köln, einen Internationalen Bund gegründet:
"die katholische Arbeiter-Internationale".
Ihr gehören Arbeitervereine an von Belgien, Deutschland, Frankreich, Holland, Oesterreich, Polen, Schweiz, Tschechoslowakei. Seit Papst Leo XIII in seinem erhabenen Rundschreiben Rerum novarum zur Gründung von katholischen Arbeitervereinen aufgefordert hat, haben in den genannten Ländern Priester und Arbeiter vertrauensvoll miteinander zusammen gewirkt, um mit aller Kraft die Ordnung der menschlichen Gesellschaft im Geiste Christi zu erneuern. Die Erfahrungen, welche sie bei ihren Bemühungen machten, festigten in ihnen die Überzeugung, dass das Mahnwort des Heiligen Vaters, für die katholischen Arbeiter neben den Mitteln der priesterlichen Seelsorge besondere Vereinigungen ins Leben zu rufen, tiefster und weisheitsvoller Erkenntnis der Bedürfnisse unserer Zeit entsprungen ist.
Die heutige Gesellschaft kann in mancherlei Hinsicht nicht mehr christlich angesprochen werden. Ihre Reorganisation im Geiste Christi ist nur möglich, wenn die durch die Kirche verkündigten Lehren auf weltlichem Gebiete durch Laien getragen werden, die religiös durchglüht und mit allen Fähigkeiten wohl ausgerüstet sind, um die religiös-sittlichen Wahrheiten zu verteidigen und in der Welt anzuwenden. Solche Laien in der Arbeiterschaft mehr und mehr zu erwecken und aus ihnen Führer für kleine und grössere Lebenskreise zu bilden, ist Zweck und Ziel unserer katholischen Arbeitervereine. Als Wirkung unserer Arbeit erhoffen wir die Verstärkung einer geistigen Atmosphäre, in welcher die Arbeit über alle Härte und Mühsal hinaus als eine Berufung Gottes erscheint, an
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dem Platze, wo immer wir stehen, an der Verwirklichung der Pläne der Göttlichen Vorsehung zum Heile der Menschheit tätig zu sein. Wenn der Arbeiter einmal zu erkennen vermag, dass jede Arbeit, die im Lichte des Glaubens verrichtet wird, hohen Wert hat vor Gott, und dass sie den arbeitenden Menschen vor Jenen auszeichnet, die nicht arbeiten wollen, obschon sie könnten, dann wird der Arbeiterstand selber, mögen auch viele ihn noch gering schätzen, als ein notwendiges und wertvolles Glied der menschlichen Gesellschaft von der öffentlichen Meinung anerkannt und geachten [sic] werden müssen. Solche Arbeiter werden dann auch unter Ablehnung des materialistischen Klassenkampfes bereit sein, mit den übrigen Ständen am Wohle der Volksgesamtheit mitzuschaffen.
Deine Heiligkeit hat die Arbeitervereine durch die Mahnung zu einer katholischen Aktion aufs neue gestärkt. Wir danken Dir darum, Heiligster Vater, für die neuen Antriebe, die Du den Katholiken der Welt gegeben hast. Denn wahrhaftig, die in unseren Vereinen zusammenwirkenden Priester und Laien erfahren Tag für Tag, dass es von der Erhaltung des christlichen Glaubens unter den Arbeitern, die in allen Industrieländern die zahlreichste Volksschicht darstellen, abhängt, ob die Bemühungen der Katholiken, das Leben ihres Volkes im Bereiche des Ökonomischen, Politischen und Gesellschaftlichen zu den Lehren und Grundsätzen des Christentums zurückzuführen, Erfolg haben wird.
Die Erfahrung lehrt, dass die unter der Not des Lebens und inmitten einer aus unchristlichen Prinzipien gewachsenen Gesellschaft leidenden Menschen, nur zu leicht geneigt sind, Lehren in sich aufzunehmen, die das Christentum scheinbar praktisch anwenden wollen und doch nur von dieser Welt sind. Wir denken an
den Sozialismus unserer Tage
und seine neuen Methoden der Propaganda. In den letzten Jahren beobachten wir eine früher nicht gekannte Art und Weise, sozialistische Auffassungen in die christliche Arbeiterschaft hineinzutragen. Es gibt welche, die behaupten, dass, wer das Evangelium Jesu Christi wahrhaft verwirklichen wolle, sozial-revolutionär oder Sozialist sein müsse. Es ist das eine ähnliche Strömung, wie die falsch verstandene Armutsbewegung des Mittelalters, der die Kirche die richtigverstandene eines Franz von Assissi [sic] entgegen gestellt hat. Andere gehen den umgekehrten Weg. Sie sagen, Christentum und
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wirtschaftliches Leben gingen einander so wenig an, dass das Evangelium weder zum Sozialismus hinführe, noch zu ihm in Gegensatz stehe. Daher könne und dürfe die Kirche ihren Kindern überhaupt keine Weisungen geben, ob sie sich dem Sozialismus oder diesem ähnliche Bewegungen anschliessen dürften oder nicht. Dies sei vielmehr allein dem Gewissen des Einzelnen zu überlassen. In Verfolg solcher Ansichten haben manche Katholiken angefangen zu glauben, dass sie ihre Sendung an die Welt nur dadurch erfüllen könnten, indem sie sich in die sozialistisch-proletarische Bewegung der Gegenwart hineinstellen.
Demgegenüber sehen unsere katholischen Arbeitervereine nach wie vor den Sozialismus unserer Tage verstrikt [sic] in eine Lebensauffassung, die gegen den Geist des Christentums und der Heiligen Kirche stehe. Deshalb treten sie jeglicher Vermischung eines sozial-revolutionären und klassenkämpferischen Denkens mit katholisch-kirchlichen Auffassungen überall entgegen und lehnen derartige verwirrende Bestrebungen ab. Ihr Weg zur Verbesserung des Lebensschickslals der Arbeiter ist ein anderer, ein eigener. Der Weg, den die katholischen Arbeitervereine gehen, unterscheidet sich eben so scharf von dem der Sozialisten, wie von dem der sozial-revolutionären Bewegungen. Er ist in den sozialen Enzykliken der Päpste und in den Rundschreiben der Bischöfe Grund gelegt[.]
Unsere Bemühungen werden allerdings gehemmt und die uns entgegenstehenden Schwierigkeiten ver,ehrt [sic] durch die aus Unordnungen im heutigen Wirtschaftsleben hervorgehenden oder gesteigerten
Gegensätze zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern.
Wir in der katholischen Arbeiterbewegung sind tief durchdrungen davon, dass die verschiedenen von Gott gegebenen Fähigkeiten im unternehmenden und im mitarbeitenden Menschen dazu bestimmt sind, in gegenseitiger Anerkennung ihres Wertes zusammen zu xxxx wirken, um so das Ziel, die Wohlfahrt aller, bestmöglichst zu erreichen. Von dieser Kooperation aller Beteiligten sind wir heute noch entfernt. Das Verhältnis zwischen denen, die als Besitzer Verfügungsmacht über Geld und Produktionsmittel haben, und den anderen, die ihre geistige und körperliche Arbeitskraft einsetzen, unterlieget noch grossen Störungen. Wir sehen in der Wirtschaft unserer Tage Mächte aufsteigen, die losgelöst von der Welt christlicher Vorstellungen, nicht darnach fragen, ob die Wirtschaft dem bedürftigen Menschen dient, die von einem dämonischen Gewinnstreben beherrscht sind, die menschliche Arbeit gleich einer Ware betrachten und den arbeitenden Menschen dadurch erniedrigen. Wenn wir
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in den katholischen Arbeitervereinen und solcher Sinnzerstörung der Wirtschaft, die in der Arbeiterwelt den Arbeitsgedanken und die Berufsfreude untergräbt und zugleich den Gegensatz zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern unüberbrückbar macht, entgegen stemmen, so wissen wir, dass wir damit dem Geist der Kirche und Deinen Weisungen gerecht werden.
Uns ist Dein Werk eine Ermutigung. Du hast die Priester ermahnt, die ihnen anvertraute Herde nicht nur gegen falsche Lehren zu schützen, sondern auch an der Verbesserung ihrer Lebensverhältnisse zu arbeiten. Du hast jene Katholiken getadelt, die sich als vollkommene Söhne der Kirche erklären, aber z.B. es ablehnen, als Arbeitgeber mit den Arbeitern zu verhandeln, ihnen das Rechte [sic] der Vereinigung absprechen oder staatliche Gesetze zum Schutze der Arbeiter verwerfen.
Nicht zuletzt hat Deine Heiligkeit die katholischen Arbeiter in ihren Anstrengungen unterstützt, indem du
in der Eigentumsfrage
verwirrende Auffassungen abgewiesen hast. So hast Du, Heiligster Vater, in einer Aussprache an den Zentralvorstand der katholischen Aktion Italiens aus Anlass der Erinnerungsfeier an die Verkündigung des Rundschreibens Leo XIII über die Arbeiterfrage in bewundernswerter Weise dargetan, dass das Privateigentum gemäss dem göttlichen Gebote eine unerlässliche Grundlage der Gesellschaftsordnung ist, dass aber das Eigentum verschiedene tatsächliche Formen erlebt hat und daraus sich verschiedene Lagen für die menschliche Gesellschaft, wie auch für die Familie und die einzelnen Menschen ergeben.
Im Sinne Deiner Weisungen haben die unserm Internationalen Bund angeschlossenen Vereine sich bemüht, die rechte Klarheit für ihre Arbeit zum Wohle der Arbeiterschaft zu gewinnen. Dem Geist der Lehre Leo XIII entsprechend, wissen wir sehr wohl zu unterscheiden zwischen dem Recht des Eigentums und seinem Gebrauch. Unsere Bemühungen gehen darum auch nicht darauf hinaus, dieses Recht zu bestreiten, sondern seinen Gebrauch zu regeln, die angemasste Selbstherrlichkeit des Eigentums, vor allem des Grosseigentums, einzudämmen und die Bildung von Eigentum in der Hand des besitzlosen Arbeiters zu ermöglichen. In der heutigen Wirtschaft haben sich Riesenbetriebe und Riesenvermögen entwickelt. Unser Bestreben ist darauf gerichtet, unter diesen veränderten Verhältnissen die persönlichen Rechte der Arbeitnehmer
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zu sichern und ihnen und ihren Familien ein menschen- und christenwürdiges Dasein zu ermöglichen. Zu diesem Zwecke befürworten wir: Schützende [sic] und ordnende Massnahmen des Staates, Mitwirkung von Arbeiterorganisationen, Disziplinierung des Verbrauchs, Hebung des Sparwillens. So glauben wir in einer sinnvoll geleiteten Wirtschaft des [sic] Massen der besitzlosen Arbeiter ein ihrer Leistung entsprechendes höheres Einkommen und damit die Bildung von Eigentum (Vermögen) in ihrer Hand zu gewährleisten.
Indem wir uns in solcher Art anstrengen, eine bessere ökonomische und soziale Ordnung zu begründen und zu verwirklichen, betrachten wir als die beste Verwendung von Ersparnissen und zugleich als geeignetste Grundlage für ein gesundess Familienleben
die Erwerbung einer gesunden und gesicherten Wohnung,
womöglich eines eigenen Heims. Da heute fast in allen Ländern Europas ein grosser Mangel an Wohnungen herrscht und die Erhaltung eines christlichen Familienlebens dadurch sehr gefährdet wird, haben unsere Arbeitervereine als eine der wichtigsten Aufgaben zur Besserung der leiblichen und sittlichen Lebensverhältnisse die Beschaffung gesunder und billiger Familienwohnungen mit übernommen. Unsere Arbeitervereine schaffen Spareinrichtungen und regen den Arbeiter an, gemeinsam mit den Angehörigen anderer Stände und durch das Mittel von Genossenschaften, Kleinwohnungen mit Gartenland als Eigenheime herzustellen. Damit haben sie in vielen Orten in reichem Masse dazu beigetragen, dass aus wurzellosen und innerlich gefährdten [sic] Arbeitern bodenständige Familien voll Heimfreude und Heimatliebe wurden, zum Segen der Gemeinden.
So haben wir denn, Heiligster Vater, in dieser Stunde, da wir Dir unsere herzlichsten Glückwünsche zu Füssen legen, auch einiges über unsere Ziele und Bestrebungen gesagt, von denen wir hoffen, dass sie Deine Zustimmung finden werden.
Wir bitten Dich, unsere Vereine und ihre Mitglieder gnädigst zu segnen, auf fass [sic] sie mit neuem Mut und dem Beistande Gottes ihre hohen Aufgaben erfüllen.
Empfohlene Zitierweise
Vertreter der Katholischen Arbeiterinternationale an PiusXI. vom vor dem 20. August 1929, Anlage, in: 'Kritische Online-Edition der Nuntiaturberichte Eugenio Pacellis (1917-1929)', Dokument Nr. 16313, URL: www.pacelli-edition.de/Dokument/16313. Letzter Zugriff am: 22.04.2024.
Online seit 20.01.2020.