Dokument-Nr. 17448

Berg, Ludwig: Katholisches Hilfswerk für die in Deutschland studierenden Chinesen. Aachen, 07. Juni 1929

A. Allgemeine Bemerkungen:
I. Hauptidee und Ziel.
In Anlehnung an das Missionsprinzip des "Einheimischen Klerus" (Encycla [sic] "Maximum illud" vom 30. November 1919 durch Papst Benedikt XV.) wäre die Einrichtung eines katholischen Hilfswerkes für die in Deutschland studierenden chinesischen Studenten sehr wünschenswert, damit diese während ihrer Studienzeit mit der katholischen Kirche, ihren Lehren und Einrichtungen näher bekannt werden und später in ihrer heidnischen Heimat als Führer des Volkes auch dem katholischen Missionswerk ihre [sic] Wohlwollen bewahren und betätigen.
Das Hauptziel soll in erster Linie nicht die Konversion der heidnischen Studenten, sondern vielmehr ein Bekanntwerden dieser Studenten mit dem Katholizismus sein. Wenn Konversionen erfolgen oder sogar Priesterberufe geweckt werden, dann ist dieser größere Erfolg besonders zu begrüßen, da er das Ideal des einheimischen Laienapostolates bezw. einheimischen Klerus direkt fördert.
Via caritatis – via veritatis. Die Wege zur Wahrheit sind ebenso verschieden wie die Mittel der Caritas. In Belgien und Frankreich mußte meist materielle, finanzielle Unterstützun [sic] erfolgen; die Betreuung der Chinesen in Deutschland würde mit Rücksicht auf die anders gearteten Voraussetzungen mehr geistiger Art sein, wenigstens zu Beginn der gedachten Einrichtung. Näheres später unter Abschnitt B und C.
Im einzelnen:
1.) Durch die deutsche Caritasarbeit unter den chinesischen Studenten in Deutschland wird eine Atmosphäre gegenseitigen Vertrauens geschaffen. Die Wißbegierde der chinesischen Studenten führt zu manchen Fragen über Kultur, Philosophie und Theologie, über die einzelnen Konfessionen, die ihnen aus eigener Anschauung in der chinesischen Heimat bereits mehr oder weniger bekannt sind. Vorurteile über die katholische Kirche und ihre Missionen können bei diesen Aussprachen leicht behoben werden. Wertvoll ist das Kennenlernen des übernationalen, rein religiösen Charakters der katholischen Kirche, ihrer Missionsprinzipien wie ihrer Missionspraxis. Etwaige von der üblichen
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Praxis abweichende Betätigungen einzelner katholischer Missionare können alsdann besprochen bezw. geklärt werden.
Wenn auch nur diese allgemeinen Erfolge durch das gedachte Hilfswerk unter den in Deutschland studierenden Chinesen erzielt werden, so ist diese Arbeit, allgemein betrachtet, hierdurch schon apostolisch und echt katholisch.
2.)  Das gedachte Hilfswerk ist zugleich dem eigentlichen Missionswerk überaus förderlich. Die chinesischen Studenten werden nach ihrer Rückkehr aus Deutschland in ihrer Heimat zu den intelligenten Gesellschaftskreisen gehören, die in Industrie und Handel, in Gesetzgebung und Verwaltung, ja auf fast allen Gebieten des öffentlichen Lebens führend und vielleicht ausschlaggebend sind, und wenn sie durch das Hilfwerk die rechte Auffassung vom Wesen des Katholizismus, von katholischem Denken und Handeln, von missionarischen Grundsätzen und richtiger Missionspraxis erlangt haben, werden sie wohl zu unterscheiden wissen zwischen protestantischen und katholischen Missionen. Gegebenenfalls können sie in weiten Kreisen Chinas aufklärend wirken und vielleicht missionsfeindliche Kundgebungen, Verordnungen und Gesetze hintanhalten und verhindern.
Vielleicht wäre auch, missionarisch betrachtet, ein Eindringen und Durchdringen des katholischen Gedankens in die Psyche des chinesischen Volkes über die sog. Intellektuellen des Landes einem langsamen Emporsteigen desselben aus dem einfachen Volke, speziell aus dem Landvolke, vorzuziehen.
3.) Daß die Betreuung der chinesischen Studenten auch zum vollen Erfassen der katholischen Wahrheit und zur Konversion führen kann, zeigen die Erfolge der Chinesenfürsorge in Belgien und Frankreich, über die später in Teil B Näheres mitgeteilt wird.
Dieser größere Erfolg ist wohl die beste Begründung für das gedachte katholische Hilfswerk zu Gunsten der in Deutschland studierenden Chinesen.
4.) Selbst eine Stärkung des einheimischen Priestertums gerade in China darf man erhoffen. Fr. Thaddaeus Yong, z. Zt. im Benediktinerkloster zu Maredsous, verdankt seine Konversion den Anregungen, die er in dem belgischen Hilfswerk erhalten hat; er möchte später als Benediktiner in China tätig sein.
Zudem ist z. Zt. China ein günstiger Boden zur Heranbildung des einheimischen Klerus; denn in China waren im Jahre 1925 unter 567 Lazaristen schon 379 chinesische Ordensangehörige, und heute befinden sich von den 80 Pfarreien des Vikaristen Pekin
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schon 64 in Händen des chinesischen Klerus. Wie schwer dagegen ist die Heranbildung eines eingeborenen Klerus bei vielen Völkern Afrikas und des indischen Kulturgebietes! In Laos (Indochina) konnte nach jahrzehntelagen Versuchen bisher von 200 Seminaristen nur ein einziger zum Priester geweiht werden.
II. Das gedachte Hilfswerk ist sehr zeitgemäß, ist im Vergleich mit dem Arbeitsfeld der Missionare in den Heidenländern leichter durchführbar, ist weniger kostspielig, in gewissem Sinne erfolgreicher.
Im einzelnen:
1.)  Sehr zeitgemäß, ja dringlich:
Selbstverständlich ist alles "Nationalistische und Kaufmännische" auf dem gedachten Hilfswerke auszuschalten. Es ist aber doch bedeutsam zu bemerken, daß Deutschland leichter als andere Staaten, z. B. Frankreich und Belgien, das Vertrauen der Chinesen hat, da Deutschland keine Kolonien hat und keine Kolonialpolitik mit ihren für das Missionswerk vielfach bedauerlichen Begleiterscheinungen, betreibt,
ferner, daß in der Tat die Beziehungen zwischen Deutschland und China getragen sind von "dem Geiste des Vertrauens und herzlicher Sympathie".
Erinnert sei, ohne übertriebenem Optimismus zu verfallen, an folgende günstige Momente:
a) Während des Jahres 1928 fanden mehrere Besuche chinesischer Studien-Kommissionen in Deutschland statt, die unter ihren Teilnehmern u. a. zählten Sun Fo, den Sohn des Begründers des neuen China, Sun Yat Sen, und den Gouverneur Hanming, zwei hervorragende Mitglieder der nationalen Regierung zu Nanking.
b) Die Regierung von Nanking hat mehrere Deutsche veranlaßt, als Mitarbeiter in Spezialunternehmungen nach Nanking zu kommen <kommen zu lassen>. Anderseits hat Marschall Feng-Yu-Siang im November 1928 dreißig junge chinesische Studenten zum Studium nach Deutschland gesandt. Vier studieren Medizin, die übrigen sollen praktische Ausbildung in industriellen Werken erhalten.
Keiner dieser 30 jungen Chinesen versteht z. Zt. die deutsche Sprache, sie sind in bürgerlichen Familien in der Umgebung Berlins untergebracht und besuchen Sprachkurse an der Universität.
c) Am 17. August 1928 wurde zwischen dem chinesischen Auswärtigem Amt, Minister Dr. C. T. Wang und der deutschen Behörde ein Vertrag geschlossen, der eine Ergänzung des Vertrages vom 20. Mai 192[8] bildet.
d) Die Regierung von Nanking hat beschlossen, für die se[it]
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mehreren Jahren vakante chinesische Gesandtschaftsstelle zu Berlin zu designieren "un ministre plénipotentiaire qui réprésente en Allemagne la Chine unifiée". (L'Europe Nouvelle, 1929 pg. 583).
e) Steigende Ausfuhr chinesischer Waren nach Deutschland, die die Einfuhr deutscher Waren nach China bedeutend übersteigt.
f) Die günstigen Berichte über die Arbeiten an dem höheren Deutsch-chinesischen Unterrichtsinstitut von Changhai, das den Namen "Universität Toung-Chi" führt.
g) Das Projekt, eine deutsche technische Schule in Hankéon einzurichten.
Die Dringlichkeit der Einrichtung dieses katholischen Hilfswerkes ergibt sich
aus überraschend großen Fortschritten, die die protestantischen Missionen in China gemacht haben,
aus dem wachsenden Einfluß Vortrag des russischen Bolschewismus auf die intellektuelle chinesische Jugend (Vgl. Vortrag des P. Dom Edouard Neut, O. S. B. aus der Abtei St. André bei Brugge, Redakteur des "Bulletin des Missions", auf der Missionstagung zu Löwen 1927 über das Thema "Le bolchevisme russe et de la jeunesse intellectuelle chinoise").
vor allem aber aus der Tatsache, daß China mit den traditionellen Religionen des Landes nicht zufrieden ist und eine neue Kultur und neue Religion sucht, während z. B. Japan in dieser Hinsicht schon eine Entscheidung getroffen zu haben scheint.
2.) leichter durchzuführen: a) Der Missionar muß, bevor er seine Missionsarbeit in etwa beginnen kann, in jahrelangem, anstrengendem Studium sich die chinesische Sprache aneignen. Die Kenntnis der chinesischen Schriftzeichen in einer nur einigermaßen ausreichenden Anzahl erfordert noch anstrengenderes Studium. Die Kenntnis der chinesischen Gelehrtensprache wird nur sehr selten erworben. – Der jüngst in Rom geweihte mongolische Bischof Evaristus Tschang, der drei Jahre lang an der Propaganda zu Rom die dortigen chinesischen Studenten in die chinesische Gelehrtensprache einführte, eignete sich in 30jährigem Studium 40.000 chinesische Schriftzeichen an.
Der Leiter des gedachten Hilfswerkes in Deutschland bedarf nicht der Kenntnis der chinesischen Sprache. Die chinesischen Studenten erlernen bzw. sprechen bereits die deutsche Sprache und haben begreiflicherweise großes Interesse daran, sich durch den
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Verkehr mit einem Deutschen in der deutschen Sprache auszubilden.
b) Der Missionar in China ist den Unbilden des Klimas, vielfach den Ausbrüchen nationalistischer Bestrebungen, selbst Mißhandlungen, vielleicht sogar dem Tode ausgesetzt. Erinnert sei nur an die Opfer der letzten Revolutionsjahre.
Diese Schwierigkeiten fallen für den Leiter in Deutschland fort.
3.  weniger kostspielig: Die Ausgaben für die Erziehung zum Missionar, die Reisenauslagen des Missionars, die Unkosten des Missionsbetriebes sind außerordentlich hoch.
Der Missionsschriftsteller P. Bernhard Arens S. J. gibt in seinem "Handbuch der katholischen Missionen" (Freiburg, Herder 1920 S. 257 ff.) folgende Angaben, die "als sehr mäßig anzu- sehen sind, aber als Grundlage dienen mögen, um einen allgemeinen Ueberblick über die Auslagen zu gewinnen":
"Berechnet man für die 7–8 Jahre der humanistischen Studien jährlich RM 400,-- und für das Noviziat und die 6 Jahre der philosophischen und theologischen Studien jährlich RM 800,--, so ergibt sich, daß die Erziehung eines einzigen Missionars, wenn alles seinen geregelten Verlauf nimmt, auf RM 8.800,-- zu stehen kommt. Nun beträgt aber die Zahl dieser Missionskandidaten viele Tausende. Jährlich müssen also mehrere Millionen Mark für die notwendigsten Ausgaben der Erziehungsanstalten zusammengebracht werden. Daneben bleibt der Unterhalt des Lehrpersonals und die Anschaffung der Lehrmittel zu bestreiten". (l. c. S. 257).
"Die Kosten der Ausfahrt in die Mission umfassen das Reisegeld und die Aussteuer. Bei aller Einfachheit dieser Aussteuer und bei den ermäßigten Preisen, die die meisten Schifffahrtsgesellschaften den Glaubensboten gewähren, kann die Durchschnittsumme einer Ausreise nicht unter RM 1.200,-- angesetzt werden. Die Heimfahrt der Missionare, die gewöhnlich aus Gesundheitsrücksichten geschieht, mag durchschnittlich RM 800,-- kosten. Wenn wir nun eine Mittelsumme von RM 1.000,-- für jede Reise annehmen und die jährliche Zahl der Reisen auf 800 schätzen, so verschlingen die Reiseauslagen allein jedes Jahr wenigstens RM 800.000,--. Diese Summe ist eher zu niedrig als zu hoch gegriffen". (l. c. S. 258).
"Es gibt rund 300 selbständige katholische Missionsgebiete, von denen manche 10–12 Millionen Einwohner haben. Setzen wir das jährliche Erfordernis einer solchen Missionsdiözese
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für alle Bedürfnisse auf RM 250.000,-- an, so lautet die Rechnung auf 75 Millionen Mark." (l. c. S. 26) und P. Fischer, S. V. D., Jesu letzter Wille, S. 121).
Wenn auch durch das gedachte Hilfswerk nicht in erster Linie die Konversion der chinesischen Studenten oder gar die Weckung von Priesterberufen angestrebt wird, so darf die Arbeit des Leiters dieses Hilfswerkes doch mit der Arbeit eines Missionars verglichen werden. Im einzelnen werden die Kosten für den Unterhalt des leitenden Priesters in Deutschland, für seine täglichen Caritasauslagen, für die ganze Organisation bei weitem nicht so hoch sein, wie vergleichersweise [sic] diejenigen für die Heranbildung eines Missionars, für sein Reisegeld und seine Aussteuer und für seinen Aufenthalt im Missionslande.
Nähere Angaben über die finanzielle Seite des Hilfswerkes in Belgien und Frankreich folgen später unter B.; für Deutschland liegen die finanziellen Verhältnisse, wie später unter C. gezeigt wird, günstiger.
4.)  in gewissem Sinne erfolgreicher:
Der Missionar hat für gewöhnlich erst nach jahrelanger Vorarbeit (Erlernung der Sprache, Gewöhnung an das Klima des Landes, Anpassen und sich Hineinleben in die Psyche der Eingeborenen usw.) Einfluß und Erfolg, vielfach auch nur bei der Landbevölkerung bezw. bei den Armen der Städte. Es ist nicht die Regel, daß er Einfluß und Erfolg in den intellektuellen und führenden Kreisen des chinesischen Volkes findet.
Der Leiter des gedachten Hilfswerkes in Deutschland hat aber Anschluß an die Auslese des Volkes, an die Studenten, die aus angesehenen Familien stammen oder von der Regierung und oft auf Kosten der Regierung zum Weiterstudium nach Deutschland entsandt werden.
Wie die Qualität, so ist auch die Quantität dieser Studenten ansehnlich. Z. Zt. studieren in Frankreich und Belgien etwa 600 Chinesen, in Deutschland etwa 500. Ständig wechselt nach einigen Jahren diese Studentenschaft. So könnte in jahrzehntelanger Arbeit nach und nach die Oberschicht der chinesischen Bevölkerung direkt oder indirekt beeinflußt werden, zumal dieses katholische Hilfswerk jetzt schon in Belgien, Frankreich und in der Schweiz besteht und immer mehr inter- bzw. übernational ausgebaut werden müßte.
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B.  Das in Belgien und Frankreich eingerichtete Hilfswerk.
1.) Die sog. Werkstudenten:
Kurz nach dem Kriege wurde ein französich–chinesisches Werk gegründet unter Führung des Ministers Painlevé, des kommunistischen Abgeordneten M. Moutet aus Lyon und des ehemaligen Rechtsanwaltes M. Caillaux, eines einflußreichen Mitgliedes der Liga für Menschenrechte.
Die Parole gab der Direktor der Universität zu Pekin mit den Worten: "Il fallait aller en France, et y aller très nombreux: seule la France leur offrait, avec une liberté qu'ils n'auraient jamais en Chine, une éducation vraiment nationelle et scientifique, parce que résolument dépouillée de toute idée réligieuse. C'est là aussi qu'on leur dirait de quelle révolution sociale la Chine a besoin pour se régénérer – là qu'on les y formerait". (Discours de Ts'ai Yuan P'ei à Chao–Hing en été 1919).
Demnach sollte die studierende Elite Chinas nach Frankreich geführt werden und dann später, nachdem sie systematisch atheistisch und antichristlich gemacht worden war, nach China zurückkehren. Die meisten dieser ausgewählten Studenten sollten die Auslagen für ihre Studien durch Arbeiten während der freien Zeit verdienen; nur für wenige Studenten war ein chinesisches Staatsstipendium vorgesehen. Man hoffte auf Grund eines französich-chinesichen Uebereinkommens die Boxer-Entschädigungen unter diese Studenten verteilen zu können.
Es kamen statt der ursprünglich in Aussicht genommenen 20.000 nur etwa 3.000 Studenten aus China in Frankreich an. Aber es zeigte sich bald die Unmöglichkeit, gleichzeitig zu studieren und durch Arbeiten Geld zu verdienen. Zudem blieben die erwarteten chinesichen Stipendien infolge der Bürgerkriege aus. Ein befriedigendes Abkommen über die Boxer-Entschädigungen wurde nicht getroffen. Daher konnte nur ein französich-chinesisches Institut zu Lyon gegründet werden, das ungefähr 200 ausgesuchte Studenten beherbergte. Die anderen waren dem Elend überlassen und suchten Beschäftigung in den Fabriken. Ungefähr 1.000 konnten nach China zurückkehren, 500 starben in Elend. 2.)  Der Lazaristenpater Lebbe beschäftigte sich mit diesen vollständig verarmten chinesischen Studenten, die nicht mehr den Weg in die Heimat zurückfanden. Die Fürsorge des Paters begann in Frankreich im Jahre 1921.
Ueber die Persönlichkeit des Paters Lebbe ist folgendes zu bemerken: P. Lebbe hatte 20 Jahre im Vikariate Peking große Un-
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annehmlichkeiten zu ertragen gehabt, da er in China einen einheimischen Episkopat forderte, zumal Kardinal Mercier ihn in diesen Ideen bestärkt hatte. Man sandte ihn schließlich nach Europa zurück mit dem ehrenvollen, aber nach dem Kriegsschlusse äußerst problematischen Auftrage, für die 20.000 chinesischen Studenten zu sorgen, die damals die radikalen Sozialisten nach Frankreich kommen lassen wollten, um sie später als Vorkämpfer der französischen kirchenfeindlichen Kultur wieder nach China zurückzusenden. Von diesen 20.000 Studenten kamen jedoch nur, wie schon erwähnt, 3.000 an.
3.) Bemerkenswert ist die Methode, nach der P. Lebbe die chinesischen Studenten betreute. Auf alle mögliche Weise suchte er mit ihnen in Verbindung zu treten. In genialem Verstehen der fremden Psyche wußte er nach und nach ihr Vertrauen zu gewinnen. Er ermutigte sie in ihrer Hoffnung, ihr früheres Ideal trotz äußerer Not noch erreichen zu können. Daher verschaffte er ihnen Freistellen an den höheren Schulen, wo sie vor allem Französisch lernen sollten; dann richtete er Studentenheime ein, damit die später ihre Studien an der Universität fortsetzen konnten.
4.) Der Erfolg war recht befriedigend. Etwa 400 der chinesischen Studenten wurden von der Fürsorge erfaßt und in französischen und belgischen Studienanstalten untergebracht. Vielen fehlte leider die verstandesmäßige Vorbildung, aber ungefähr 60 haben ihre Studien zu Ende geführt und besitzen augenblicklich in China einen hervorragenden Einfluß. Von diesen sind 3 als Regierungsbeamte in Nanking tätig, etwa 10 sind bei der Provinzialregierung angestellt, etwa 15 sind Universitätsprofessoren.
Nach und nach hatte eine Scheidung innerhalb der Studentenschaft stattgefunden. Die, welche dem organisierten Hilfswerke treu geblieben waren, sind jetzt recht wertvolle Kräfte, erstklassig als Aerzte, als Bergwerksingenieure, als Pädagogen an den Kursen zu Löwen usw.
Von den genannten 400 chinesischen Studenten dieser neuen Organisation wurden 300 christlich. Zehn–zwölf Studenten haben später die praktische Ausübung des christlichen Glaubens preisgegeben oder sind sogar öffentlich abgefallen.
5.)  Die Unkosten für dieses Hilfswerk betrugen etwa 5 Millionen Francs, von denen 200.000,-- Frcs. von der römischen Propaganda gegeben worden sind. Der Rest dieser Ausgaben wurde durch Kollekte gedeckt, mit Ausnahme von Frcs. 250.000,--, die die Société Générale gezahlt hat.
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Freistellen und Stipendien wurden als Ehrengaben verliehen. Die Nutznießer und Empfänger verpflichteten sich zu entsprechender Vergütung nach spätestens 10 Jahren. "Ob dies wohl geschehen wird?" - sagte der zeitige Direktor des Werkes, der Weltpriester Boland in Löwen.
6.) Einzelne Unzuträglichkeiten und Mißstände haben sich, wie zu erwarten war, auch bei diesem Hilfswerk gezeigt.
Die finanzielle Hilfe hat sicherlich auch bloß Nutznießer und wertlose Menschen angezogen. Manche Studenten waren zu stolz, um öffentlich zum Christentum überzutreten, da sie die Vorwürfe und den Spott ihrer Kameraden fürchteten.
"Aber der große intellektuelle, sittliche und apostolische Wert der Konvertiten, die patriotische Haltung, die diese an den Tag legten, - das alles hat die Bedenken der nicht konvertieren Wollenden vollends entkräftet". - so lautet das Urteil der das Werk leitenden belgischen Priester.
7.)  Jetzige Organisation:
Nachfolger des nach China wieder zurückgekehrten Lazaristenpater Lebbe ist der Weltpriester Boland geworden. Er leitet die ganze Organisation von der Zentrale aus, die zu Löwen in dem Hause No. 29, Place du peuple, untergebracht ist. Außer dem Büro befindet sich in diesem Chinesenheim eine Kapelle und ein Lesesaal, der den in Löwen studierenden Chinesen auch als "Klubzimmer" dient. Der Priester Boland und etwa 4 Studenten wohnen in dem Heim. Die Speisen werden außerhalb des Hauses genommen. Man plant, den gesteigerten Bedürfnissen entsprechend, ein naheliegendes großes Hôtel anzukaufen und für die Zwecke des Hilfswerkes einzurichten.
Etwa 300 chinesische Studenten gehören der Vereinigung an und studieren an den verschiedensten Universitäten Belgiens und Frankreichs. Etwa 40 Studenten erhalten jährlich je 1.200,-- Frcs. Ein großer Teil der Studenten ist auf eine materielle Unterstützung nicht angewiesen.
Die Finanzierung geschieht wie unter No. 5 bereits angegeben ist.
Während der Ferien finden Tagungen statt, an denen auch nichtchristliche Studenten teilnehmen. Allgemein orientierende und religiöse Themata werden behandelt. Die Teilnahme an den einzelnen Vorträgen wie auch an dem Gottesdienst ist den Studenten freigestellt.
Gelegentlich einer dreitägigen Retraite in Völkeric [sic] an der belgischen Grenze nahe bei Aachen machten 63 chinesische Stu-
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denten, unter ihnen 23 Heiden, einen Besuch in Aachen, wo die Kathedrale, die Schatzkammer, das altehrwürdige Rathaus, die kath. Kirche St. Nikolaus, eine große katholische Zeitungsdruckerei, das neue Kurhaus und die Badeanlagen besichtigt wurden, (Cfr. den Bericht im "Anhang").
Die von Zeit zu Zeit aus China ankommenden chinesischen Studenten – meist vom P. Lebbe ausgesucht und empfohlen, vielfach noch heidnisch – verweilen etwa 1 Jahr in dem von den Franziskanerbrüdern gemieteten früheren katholischen Waisenhaus zu Völkerich und erhalten dort von einem Weltpriester namens Gilson und einem belgischen Lehrer (Laie) Unterricht in der französischen Sprache. Z. Zt. sind dort 16 Chinesen, die nach 1 Jahr soweit die französiche Sprache zu beherrschen glauben, um ihre Studien an der Universität oder ihre Praktische Ausbildung in industriellen Betrieben beginnen zu können.
Eine in Löwen erscheinende Monatsschrift: "Bulletin de la Jeunesse Catholique Chinoise – Organe Mensuel de L'Associatio catholica Juventutis Sinensis A. C. J. S." orientiert über einschlägige Fragen und bildet gleichsam das Bindeglied zwischen den dem Hilfswerk angeschlossenen etwa 300 chinesischen Studenten.
Die bisherigen Erfahrungen haben ergeben, daß von der Persönlichkeit des Leiters die Organisation und von der Art seines Handelns, mehr oder weniger der Bestand und der Erfolg dieses caritativen Werkes abhängen.
Gleichsam der "Moralische Träger" des ganzen Hilfswerkes sind die Benediktiner in der Abtei St. André bei Brügge. Sie greifen zwar nicht in die praktischen Arbeiten des Weltpriesters Boland ein, bilden aber in gewisser Beziehung die Brücke zwischen den chinesischen Bischöfen und Père Boland, sichern auch den Fortbestand des Werkes, falls der jeweilige Leiter – wie etwa durch die Rückkehr des P. Lebbe nach China – wechseln sollte, haben auch aus besonderer Vorliebe für diese eminent wichtige Missionsarbeit bereits ein Benediktinerkloster in China gegründet, das später in den Besitz chinesischer Benediktiner übergehen soll.
Das ganze Werk der Chinesenfürsorge in Belgien und Frankreich untersteht naturgemäß der Propaganda zu Rom. C. Das für die in Deutschland studierenden Chinesen gedachte Hilfswerk.
1.)  Zahl:
Nach der letzten Aufstellung studieren etwa 600 Chi-
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nesen in Deutschland, vornehmlich technische Fächer; ein nicht geringer Teil arbeitet praktisch in Werken. Man kann diese Studenten in zwei Gruppen einteilen.
Da die Studien- und Lebensverhältnisse in Deutschland z. Zt. teurer sind als in anderen Ländern, so gibt es in Deutschland keine chinesischen Studenten, die in ihrer Mittellosigkeit auf deutsche finanzielle Unterstützung angewiesen sind. Die armen chinesischen Studenten leben meist in Belgien und Frankreich.
Der größere Teil der Studenten lebt von Stipendien, die ihnen die chinesischen Provinzialregierungen gewähren. Eine Anzahl Provinzen verleiht sogar solche Stipendien nur an in Deutschland studierende Chinesen, da Deutschland mit China Verträge auf gleicher Grundlage abschließt, während andere Staaten noch besondere Vorrechte beanspruchen.
Etwa 100 chinesische Studenten erhalten das für Studien und Aufenthalt notwendige Geld von ihren Eltern. Insgesamt studierten im Winterhalbjahr 1928/29 an sämtlichen Hochschulen Deutschlands 153 Chinesen, darunter 7 Chinesininen.
Die Gesamtzahl verteilt sich auf die einzelnen Bildungsstätten in nachstehender Weise:
A.  An den Universitäten
I. in Preußen: Berlin 44, darunter 5 weiblich; Bonn 1; Breslau -; Frankfurt 1; Göttingen 3; Greifwald [sic] 1; Halle 1; Kiel 4; Köln 1; Medic. Akademie Düsseldorf -; Königsber [sic] -; Staatl. Akademie Braunsberg -; Marburg -; Münster -. zusammen 56
II. in Bayern: Erlangen 1; München 6; Würzburg -.
III. in Sachsen: Leipzig 6.
IV. in Würtemberg: Tübingen 4.
V. in Baden: Freiburg 1; Heidelberg -.
VI. in Thüringen: Jena 7.
VII. in Hessen: Giessen 1.
VIII. in Hamburg: Hamburg 2.
IX. in Mecklenburg-Schwerin: Rostock 3.
zusammen: 87, darunter 5 weiblich.

B.  An den Technischen Hochschulen
I. in Preußen: Berlin 22; Hannover 12, darunter 1 weiblich; Bres-
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lau 3; Aachen (im Sommerhalbjahr 1929 – 2)
zusammen: 37, darunter weiblich.
II. in Bayern: München 9.
III. in Sachsen: Dresden 2.
IV. in Württemberg: Stuttgart 1 Chinesin.
V. in Baden: Karlsruhe 1.
VI. in Hessen: Darmstadt 12.
VII. in Braunschweig: Braunschweig 1.
zusammen: 63, darunter 2 weiblich.
C.  An den Landwirtschaftlichen Hochschulen
In Preußen: (Berlin und Bonn-Poppelsdorf), Bayern (Weihenstephan) und Württemberg (Hohenheim) sind keine Chinesen.
D.  An den Tierärztlichen Hochschulen
In Preußen: (Berlin und Hannover) sind keine Chinesen.
E.  An den Forstlichen Hochschulen
I. in Preußen: Eberswalde und Hannover -; Münden -.
II. in Sachsen: Tharandt 1.
F.  An den Bergakademien
I. in Preußen: Clausthal -.
II. in Sachsen: Freiberg 1.
G.  An den Handels-Hochschulen
I. in Preußen: Berlin und Königsberg 1.
II. in Bayern: Nürnberg -.
III. in Sachsen: Leibzig -.
IV. in Baden: Mannheim -.
H.  An den Pädagogischen Akademien
In Preußen, Hessen und Mecklenburg-Schwerin keine Chinesen.
J.  An den Phil.-Theol. Hochschulen
in Preußen, Bayern unnd Hessen keine Chinesen.
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An den genannten Hochschulen Deutschlands studierten
Rechts- und Staatswissenschaft 4 Chinesen,
Volkswirtschaftslehre 16 Chinesen,
Betriebswirtschaftslehre 2 Chinesen,
Allgemeine Medizin 20 Studenten und 4 Studentinnen
Philosophie und Pädagogik 5 Studenten und 1 Studentin,
Neue Sprachen 1 Studenten,
Musikwissenschaft 1 Studenten,
Geschichte 1 Studenten,
Geographie 2 Studenten,
Mathematik und Versicherungsmathematik 3
Chemie 16
Parmacie [sic] 1
Naturwissenschaften 4
Biologie 2.
2.) Religion:
Fast alle diese Studenten sind gottlos. Auf keinen Fall ist einer noch Buddhist oder Taoist. Einige wenige haben große Achtung vor der Moral des Konfuzius. Fast ausnahmslos sind diese Studenten Nationalisten. Der Nationalismus ist ihnen Religion (Sun Ya Sen). Daher auch ihre dem katholischen Prinzip widersprechende Einstellung in kulturellen Fragen. 1–2 sind katholisch. (Vgl. S. 18)
Die "Katholische Korrespondenz" Münster/W. No. 39, 14. Mai 1929 Seite 6 schreibt: "Auf dem Wege zum Josefinismus. Der Nationalkongress der Kuomintang veröffentlicht seine Entschließung über die Schulreformen. Der Geist, der diese Entschliessungen beseelt, ist leider mehr und mehr darauf gerichtet, den Staat in alle Dinge eingreifen zu lassen. "Sun Wen" pflegte zu sagen, daß heute die Regierungen der zivilisierten Nationen mehr und mehr ihre Pflicht darin sehen, sowohl erzieherisch als politisch zu wirken. Das war die Maxime des alten China. Der Fürst hat für Unterhalt und Erziehung seiner Untertanen zu sorgen. Allmählich fielen die folgenden Regierungen in Dekadenz und gaben die doppelte Pflicht auf, indem sie sich nur darum bekümmerten, die Freiheit der Bürger auf der Suche nach diesen beiden Gütern nicht zu verwirren. Darin sahen diese mißleiteten Regierungen die Verwaltungsweisheit. Darin zeigten sie sich dem alten China und den modernen Regierungen unterlegen". [sic] Der Kongress
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macht sich diese Worte zu eigen und erklärt, daß die Nationalistenpartei die Erziehung direkt in die Hand nehmen muß.
3.)  Psychologie:
Die größte Schwierigkeit im Verkehr mit den Chinesen ist, ihr Vertrauen zu gewinnen. Daher muß der Fremde ihnen eine Liebe entgegenbringen, die vor allem keinen Unterschied der Rasse, der Nation und des Standes kennt.
Die Chinesen selbst wollen jede Schwierigkeit mit dem Nächsten vermeiden, daher gilt die soziale Höflichkeit ihnen fast als höchstes Moralgesetz.
Die Wahrheit ist für sie rein subjektiv und hat für sie nur Nützlichkeitswerte.
4.)  Methode und Mittel hinsichtlich der Einführung des gedachten Hilfswerkes:
Negativ: Um ihr stolzes nationales Bewußtsein nicht zu verletzen, ist Geldgeben an die in Deutschland studierenden Chinesen zu vermeiden. Ebenso ist zu unterlassen, die ihnen etwa erwiesenen moralischen und geistigen Wohltaten zu publizieren.
Zu vermeiden ist ferner die Wahl eines chinesischen Komitees, eines Vorstandes, eines Präsidenten, da die gegenwärtig in Deutschland studierenden Chinesen stark sowjetistisch eingestellt sind und alle als gleichberechtigt erscheinen wollen. Die Autorität des deutschen Leiters, der zwar jedem bei den Besprechungen Gelegenheit zur offenen Aussprache und Kritik gibt, aber dann das unterscheidende Wort spricht, wird von allen eher geachtet als das Wort eines Studenten aus ihrer Mitte.
Positiv: Haupterfordernis ist, durch eine nichtinteressierte, selbstlose Nächstenliebe ihr Vertrauen zu gewinnen.
Als geeignete Mittel dienen:
Erleichterung verschaffen im Erlernen der deutschen Sprache. Auch für kleine Dienstleistungen eine gewisse, wenn auch geringe Vergütung fordern ähnlich dem bekannten Missionsprinzip: "Nichts umsonst!" Einen Raum, "Klubzimmer" zur Verfügung stellen, der als Lesezimmer und Versammlungszimmer dient.
Besuch der einzelnen Studenten durch den Leiter des Hilfswerkes, Vorträge vorerst im kleinerem Kreise, später Veranstaltungen von größeren Tagungen, an denen auch etwa in Belgien und Frankreich studierenden Chinesen teilnehmen können. Themata kul-
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tureller, philosophischer und theologischer Art, auch rein konfessionelle Themata können in das Programm der Tagung aufgenommen weden. Der Geistliche Boland hat in dieser Beziehung gute Erfahrungen gemacht.
Billige Unterkunftsgelegenheiten während der Ferien etwa in katholischen Klöstern oder Erholungsheimen verschaffen.
Die praktische Leitung dieses Hilfswerkes ist nach dem einstimmigen Urteil der in Belgien und Frankreich für dieses Werk arbeitenden Herren (Belgier, Franzosen und Chinesen, Laien, Welt-Priester und Benediktiner) nicht in die Hände eines Missionspriesters zu legen, da die Abneigung gegen Missionare, speziell gegen französische Jesuiten und Lazaristen z. Zt. sehr groß ist.
Zweckmäßig leitet insbesondere zu Beginn der Einrichtung ein Laie das Werk, der nach und nach den Verkehr der Studenten mit einem eigens auf diese Art Fürsorge eigestellten Priester vermitteln könnte.
P. Boland und die mit ihm in Löwen arbeitenden Kreise (auch Chinesen) glauben, daß auch ein Weltpriester sofort das Hilfswerk in Deutschland in die Hände nehmen könne. In gewisser Beziehung verstehe er am leichtesten die Psyche der Studenten, könne auch auf religiöse Fragen und Seelenzustände besser eingehen; auch wäre die Einheitlichkeit des Ganzen mehr gesichert.
"Kenntnis der chinesischen Sprache ist nicht notwendig, zumal die Chinesen jede Gelegenheit suchen, sich im Gebrauch der fremden Sprachen zu vervollkommnen. Die Chinesen lieben es, daß man zu ihnen spreche die Sprache des Herzens." "Chinesen sein mit den Chinesen" - so das Urteil der genannten belgischen Kreise.
5.)  Finanzierung:
Zur Einrichtung und zum Unterhalt des Hilfswerkes würden wohl beitragen:
Die Römische Propaganda,
Franziskus-Xaverius-Missionsverein,
Ludwig-Missionsverein,
Werk der hl. Kindheit,
Einzelne Wohltäter.
Beispielsweise erhält das belgisch-französische Werk namhafte Unterstützungen von privater Seite aus Lüttich. Vielleicht lassen sich industrielle Werke
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und Banken für diese Organisation interessieren.
6.)  Praktische Vorschläge für die Einrichtung des Werkes:
a) Ein Weltpriester wird in Berlin, das die geeignete Zentrale zu sein scheint, Wohnung nehmen, vorerst als Hausgeistlicher in einem weniger großen Kloster oder einer Caritasanstalt, die ihm für die Arbeit im Hause Kost und Logis gratis gewährt. Er wird in den freien Stunden Zeit finden, mit den chinesischen Studenten Beziehungen anzuknüpfen und die Organisation vorzubereiten und auszubauen.
b)  Ein oder zwei katholische chinesische Studenten, die die deutsche Sprache in etwa kennen, kommen aus Belgien oder Frankreich und setzen in Berlin ihre Studien fort. Evt. können - auch durch Vermittlung der in China vertretenen deutschen Missionsgesellschaften oder durch den Lazaristenpater Lebbe oder durch Msgr. Constantini (I.A. Kwan-Tung-Tien, Hutung, Peping, Via Sibiria) aus den deutschen Missionen zu Shantung etwa 2 chinesische Studenten nach Berlin geschickt werden. Nach und nach wird in Berlin der deutsche Priester durch diese chinesischen Studenten ihre Kommilitonen kennen lernen. Sie werden den Priester ab und zu in seiner Wohnung besuchen, vielleicht Museen, katholische Caritasanstalten besuchen.
6 chinesische Studenten baten den Unterzeichneten, der ihnen durch den Ausflug nach Aachen (vergl. Seite 9 u. 10) näher bekannt war, um Besorgung einer Ausbildungsmöglichkeit in Deutschland. Von diesen ist einer katholisch. 2 haben das Seite 4, unter f) genannte höhere deutsch-chinesische Unterrichtsinstitut von Changhai, "Universität Toung-Chi" besucht. Der Vater einer dieser Studenten ist Professor und will jährlich 1.000 chinesische Dollar = etwa RM 2.000,-- für die Ausbildung seines Sohnes zahlen.
Nähere Auskunft bzw. Adressen von chinesichen Studenten könnten die in China z. Zt. wirkenden deutschen Missionsgesellschaften angeben:
Steyler Missionare,
Franziskaner von der sächsischen Provinz,
Bayrische Franziskaner,
Dominikaner,
Salvatorianer,
Rheinisch-Westfälische Kapuziner,
Benediktiner von St. Ottilien.
Die Zahl der Interessierten wird größer. Das Bedrüfnis [sic], ein eigenes "Klubzimmer" mit Auslage von Zeitungen (chinesischen, deutschen und anderen fremdsprachlichen) einzurichten,
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stellt sich ein. Der Vorschlag, Sprachkurse einzurichten, wird gerne angenommen. Die Entwicklung wird gegebenenfalls weiterführen zu Veranstaltungen von kleinen und großen Versammlungen und von Tagungen außerhalb Berlins, ferner zur Einrichtung eines Chinesenheimes, zur Gründung bzw. zum Ausbau einer bestehenden einschlägigen Zeitschrift. Es braucht keine Zeitschrift in deutscher Sprache zu sein.
Sollte das katholische Hilfswerk für Chinesen noch in anderen Ländern eingerichtet werden, so könnte man an den Ausbau dieses Organs für alle dem Werke angeschlossenen Länder denken. Zurzeit ist die Zahl aller außerhalb der Heimat studierenden Chinesen schwer zu erfassen. Im Jahre 1922 studierten in Japan 600–1.000 Chinesen, in den Vereinigten Staaten Amerikas 4.000, in England 500, in Frankreich 1.200, in Belgien 200, in Deutschland 400, in Rußland (Moskau) 500, in Holland 100, einige in den anderen Ländern Europas bis nach Schweden und Norwegen.
Auf die Schaffung bzw. auf den Ausbau einer Zeitschrift ist großer Wert zu legen. Sie kann, gut geleitet, zum Rückgrad des internationalen katholischen Hilfswerkes und zugleich zu einem vorzüglichen Träger in A (Allgemeine Bemerkungen) angedeuteten Ideen zu den abseits oder gar feindlich gegenüber stehenden chinesischen Kreisen werden. Man lernt die Ideen kennen und setzt sich mit ihnen auseinander.
Die vorstehenden Ausführungen wurden Während der Pfingstferien 1929 besprochen mit nachstehenden Persönlichkeiten:
In Löwen mit:
Abbé A. Boland, aûmônier général des organisations Catholique Chinoises en Belgique, Place du peuple 29,
Abbé Georges Lemaître, Dr. Professeur à l'Université, rue de Namur 40,
Abbé Draguet, Dr. Professeur à l'Université, Collège du St. Esprit,
De Jages, séminariste, Maison des Chinois,
Edouard Tshang, Dr. en pédagogie, Maison des Chinois,
Tan King Lan, cand. méd., Maison des Chinois,
In der Benediktiner-Abtei St. André bei Brügge:
Rmus P. Abbé Théodore Nève,
P. Eduard Neut, O. S. B.,(Redakteur des "Bulletin des Missions).
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Fr. Pierre-Célestin Lou Tseng Tsiang O. S. B. (ehemaliger Premier-Minister in China, u. a. 14 Jahre chinesischer Botschafter in Rußland, zuletzt Botschafter in Brüssel, konvertierte nach dem Tode seiner Gemahlin vor etwa 3 Jahren, 58 Jahre alt, z. Zt. im Studium der Philosophie und Theologie in St. André, um später als Benediktiner in China tätig zu sein)
Dr. Zachariat [sic] (Laie), Kovertit [sic], Begründer und Redakteur der kathol. englischen Wochenschrift "The Week" in Calcutta, z. Zt. in der Redaktion des "Bulletin des Missions" in St. André beschäftigt).
In der Benediktinerabtei Maredsous bei Namur.
Fr. Thaddaeus Yong (gebürtig auf der Insel Java, 24 Jahre alt, studierte in Hongkong. London, Berlin (1 Jahr) Löwen. Trat 1923 vom Buddhismus zur katholischen Kirche über, wozu das katholische Hilfswerk für die Chinesen in Belgien den aüßeren [sic] Anstoß gab. Hat seine Philosophie in Maredsous beendet, wird nach dem Studium der Theologie in St. André bei Brügge die hl. Priesterweihe empfangen und will dann als Benediktiner in China tätig sein).
Frater Lou und Frater Yong erklärten, daß die in Berlin studierenden Chinesen fast alle kommunistisch seien und daß nur einer dieser Studenten in Berlin katholisch sei.
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Einschlägige Literatur.
Wertvolle Artikel bieten:
"Die Katholischen Missionen", (Redakteur P. Arens, S. J.)
"Le Bulletin des Missions" Publication bimestrielle. Redaction et administration Abbaye de St. André par Lophom-lez-Bruges (Belgique)
"Dossiers de la Commission Synodale", Commissio synodalis in Sinis. Kwan-tun-tien Hutung, Peking.
"Bulletin de la Jeunesse Catholique Sinoise" organe mensuel de l'Assaciato Catholica Juventutis Sinensis A. C. J. S. – Louvain, 29 Place du peuple.
"Que sera la Chine demain?" Par Vincent Lebbe, Lazariste.
"La Chine et les Missions". Par Léopold Lévaux. Avec une lettre de Msgr. Philippe Tschao, vicaire apostolique de Suanhwafu (China) Paris-Liège.
"Le bolchevisme russe et la jeunesse intellectuelle chinoise".
Par Dom Edouard Neut, O. S. B., (Cinquième semaine de missiologie de Louvain 1927).
"Der chinesiche Student in Deutschland", von Siao, Diplomingenieur, Ho-Tsang, in "Studentenwerk", Zeitschrift der studentischen Selbsthilfe, herausgegeben von der Wirtschaftshilfe der deutschen Studentenschaft, Walter de Gruyter, Berlin und Leipzig, Heft 8, December 1927.
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Anhang.
1.) Das im vorstehenden unter A. B. C. geschilderte Hilfswerk für chinesische Studenten kann aus organisatorischen, nationalen, psychologischen und religiösen Gründen nicht mit dem Hilfswerk für die meist unter materieller und geistiger Not leidenden russischen Emigranten verbunden werden.
Da aber Unterzeichneter auf Wunsch der kirchlichen und mit Zustimmung der Unterrichtsbehörden von November 1924 bis Ostern 1927 in Berlin die russische Emigrantenfürsorge und zwar nach dem Prinzip des "einheimischen Klerus" organisiert hat, und da er in dieser Zeit des öfteren, meist auf besondere Einladung hin, mit den chinesischen Studenten und auch mit chinesischen Beamten (Büro auf dem Kurfürstendamm No. 218) verkehrt hat, so möchte er die Zweckmäßigkeit der, unter C. genannten Vorschläge aus eigener Erfahrung bestätigen.
2.) Die oben unter A (Allgemeine Bemerkungen) für die chinesischen Verhältnisse ausgesprochenen Gedanken haben im großen und ganzen auch für alle außerhalb ihrer Heimat studierenden Heiden ihre Berechtigung.
Insbesondere legt der Einblick in die bei den in Berlin studierenden Indern und Japanern bestehenden Zustände vom Missionsstandpunkte aus den dringlichsten Wusch nahe, auch diese Kreise durch ein "Katholisches Hilfswerk" zu betreuen.
Die innere Begründung liegt klar zu tage und der Umstand, daß man ohne Kenntnis der jeweiligen, oft äußerst schwierigen Fremdsprache gerade die späteren Führer des heidnischen Volkes mit ihren [sic] oft ausschlaggebenden Einfluß auf den Gebieten der Gesetzgebung und Verwaltung, der Familien- und öffentlichen Moral, der staatlichen Einstellung zu den katholischen Missionen relativ leicht erreichen und vielfach beeinflussen kann, macht es fast zu einem Gebot der Stunde, auf irgend eine Weise in diesen Weltanschauungscentren praktische Missionsarbeit zu leisten. Die zurzeit bestehenden allgemeinen Missionsvereine haben ihr bestimmtes inhaltreiches Arbeitsfeld und können mit diesen neuen Aufgaben kaum belastet werden.
Konkrete Vorschläge zu machen, würde über den Rahmen dieses Berichtes hinausgehen. Es sollte dieser Hinweis nur eine Anregung sein, um ein "Königsproblem" der Missionsarbeit
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"Katholisches Hilfswerk für die in Deutschland studierenden Asiaten".
recht bald einer praktischen Lösung näher zu führen.
Professor Dr. L. Berg,
Studienrat an der Hindenburgschule zu Aachen.
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Chinesische Studenten in Deutschland.
(Entnommen den "Mitteilungen des Verwaltungsrates des Werkes der hl. Kindheit", Jahrgang 1929 Heft 2).
Wir haben wiederholt in diesen "Mitteilungen" auf die wachsende Zahl der chinesischen Studierenden in Europa und insbesondere in Deutschland hingewiesen, sowie darauf, daß es eine Pflicht der deutschen Katholiken sei, geeignete Maßnahmen zu treffen, damit die Studierenden in unserem Vaterland die gleiche freundliche Aufnahme und dasselbe Wohlwollen erfahren, das den in Frankreich, Belgien, Holland, England und in anderen Ländern studierenden jungen Chinesen ihren Aufenthalt fern von ihrer Heimat möglichst angenehm macht und sie mit Sympathien für das betreffende Land erfüllt. Am Mittwoch, den 27. März d. J., hatten wir in Aachen die Freude, eine größere Zahl, mehr als 60, chinesische Studierende aufzunehmen, zu begrüßen, und es sei gleich vorweggesagt, lieb zu gewinnen.
Die Aachener Tagespresse berichtet darüber wie folgt: Aus allen Teilen Chinas kamen sie. Die Universitäten Paris, Straßburg, Freiburg (Schweiz), Löwen, Brüssel, Lüttich, Gent haben ihnen Bürgerrecht verliehen. Der Generaldirektor dieser chinesischen Studentenverbindung, der katholische Priester Boland in Löwen, hatte 63 seiner Getreuen mit ihren Professoren zu einer Tagung im benachbarten Belgien versammelt und wollte sie, die Deutschland noch nicht besucht und die deutsche Sprache nicht kannten, einen Blick werfen lassen in deutsche Verhältnisse, deutsche Zivilisation und Kultur. Generalsekretär Sittart vom Werke der hl. Kindheit und die Herren Dr. Bäumker und Cohnen von der Xaverius-Zentrale und der seit langem diesen chinesischen Kreisen nahestehende Prof. Dr. Berg waren Gäste und Führer bei dem Rundgang durch Aachen. Das einzigartige Münster mit seinem harmonischen Gesamteindruck trotz des Konglomerates von Stilen fast aller Zeiten, die Schatzkammer, ein Juwel im Reiche der Kunstsammlungen der ganzen Welt, setzte die an Blick und Sendung von Natur und Kunstschönheiten gewohnten Weltwanderer in Staunen und Verwunderung. Alles regte immer wieder zu Fragen und überraschenden Vergleichen an. Die Gefühle des Staunens und der Bewunderung lösten, über unsere europä-
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ische Gewohnheit hinausgehend, ständig wiederholtes und anhaltendes Beifallsklatschen aus, als Herr Oberbürgermeister Dr.  Rombach im Krönungssaale unseres Rathauses in kernig-deutscher Sprache – die französische diente als Brücke zum chinesischen Idiom – Worte der Anerkennung fand für die Weltbedeutung des "Reiches der Mitte". Der Oberbürgermeister führte unter anderem aus: "Die Stadt Karls des Großen hat oft die Ehre gehabt, fremde Gäste an dieser Stätte zu begrüßen, selten aber dürfte die Heimat dieser Gäste so weit entfernt von der unsrigen gewesen sein, wie es bei Ihnen der Fall ist. Mit besonderer Freude entbiete ich Ihnen darum den Gruß der alten Kaiserstadt. Man nennt Ihr Land das "Reich der Mitte", und mit Bewunderung sind wir heute Zeugen, wie es sich kraftvoll zur Einheit zusammenschließt und Anspruch auf den Platz im Rate der Völker erhebt, der seiner Größe und seiner alten Kultur gebührt. Seit Jahrhunderten ist auch Deutschland ein "Reich der Mitte", und Aachen war einmal die Hauptstadt dieses Reiches, ein Rom diesseits der Alpen, in dem 32 deutsche Kaiser gekrönt wurden. Das ist lange her. - Geblieben aber ist die Aufgabe Deutschlands, ein Reich der Mitte und Vermittlung zwischen Ost und West zu sein. Dazu bedarf es der Freiheit, wie ja auch Ihr Land frei sein mußte, um würdig im Kreise der Nationen da zu stehen. Der Weg zur Freiheit führte jedoch über die Einheit des Volkes in seinen eigenen Reihen. Diese Einigkeit ist für Sie wie für uns Fundament und Ferment für den Aufbau des ganzen Reiches. Hierin gipfeln unsere Wünsche für Ihr und für unser Vaterland! Seien Sie uns herzlich willkommen in Aachen! Ich hoffe, Sie werden sich gerne dieses Besuches in der welthistorisch-ehrwürdigen Stadt erinnern!"
Herr Tan King-Lan aus Nordchina, z. Zt. Student der Medizin in Paris und Präsident der chinesischen Studentenvereinigung, dankte in französischer Sprache und dann zu seinen Kommilitonen gewandt, in chinesischer Sprache: "Wir Chinesen fühlen", so führte unter unter anderm der vertretende Student aus, "daß in Europa vielfach unser Volk unter starken Vorurteilen leidet zum Nachteil der orientalischen und auch der abenländischen Kultur. In Europa können und wollen wir vieles lernen, um China zu modernisieren, aber das gegenseitige wohlwollende Verständnis und die daraus begründete gegenseitige Hochachtung sind Voraussetzung und Grundlage für den kulturellen Aufbau
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und die erlösende Völkergemeinschaft. Nicht jede Kultur Europas ist gut genug für unser altes chinesisches Kulturvolk, und wir als Studenten, die in einem andern Milieu aufgewachsen und erzogen sind, die fast alle in anderer Weltanschauung gelebt haben, wir fühlen die auf uns lastende schwere Verpflichtung und Verantwortung. Europas Kultur, nicht nur die materiellen, mehr noch die geistigen und kulturellen Werte kennenzulernen, um hiermit, wo nötig, unser Volk zu [beglücken] und die Hochachtung der ganzen Welt vor dem 400-Millionen-Volk Chinas zu sichern. Daß neben Frankreich und Belgien, wo etwa 800 chinesische Studenten z. Zt. weilen, auch Deutschland zu den Stätten unseres Studiums und unserer Sympathie gehört, das beweist Ihnen der Umstand, daß auch etwa 800 meiner Landsleute in Ihrem deutschen Vaterlande studieren. Aachen selbst aber ist uns, die wir heute zum ersten Male auf deutschem Boden stehen, geworden zu einem Symbol für das ganze deutsche Land, und nachdem uns von dem hochgeehrten Oberhaupte dieser Weltstadt so ehrenvoller Empfang und so freundliche Begrüßung zuteil geworden ist, wollen wir die Zuneigung für Ihr großes deutsches Reich und für Ihre mehr als tausendjährige Kunst- und Badestadt Aachen treudankbar bewahren und auch in unserer fernen chinesischen Heimat weiter pflegen".
Ein Gang durch die schicksalsreichen Räume des Rathauses, das Eindringen in das Verständnis der Bedeutung Karls des Großen für Stadt und Reich, für deren Gesittung und Kultur an der Hand der Rethelschen Fresken und der Reichskleinodien vertieften die in Rede und Gegenrede ausgedrückten Gedanken. Auf dem Wege zum Quellenhof wurde die stimmungsvolle St.-Nikolaus-Kirche und die nach den neuesten Systemen eingerichtete Druckerei des "Echo der Gegenwart" besichtigt. Die Direktion des Quellenhofes verstand es, in zwei parallelen Führungen den Gesamteindruck der Kuranlage zu vertiefen.
Im Anschluß an die ermüdenden Besichtigungen versammelten sich die chinesischen Gäste mit ihren Führern zur Einnahme eines Imbisses im Kloster der Elisabetherinnen. In dieser gemütlichen Schlußsitzung nahm der Präsident der chinesischen Studentenvereinigung Herr Tan King-Lan aus Nordchina, nochmals das Wort, um zunächst in chinesischer und dann in französischer Sprache - alle Studierenden sprachen französisch – seinen herzlichen Dank für die freundliche Aufnahme auszusprechen. "Diese liebevolle Aufnahme
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sei ihnen alle eine Erquickung für Verstand und Herz, für Leib und Seele. Dieses Labsal sei für sie, die jahrelang fern von der chinesichen Heimat in fremdem Lande weilen müßten, um so wohltuender, als sie dabei etwas fühlten von dem Geiste und der Liebe, die alle Glieder der katholischen Kirche in aller Welt umfasse und beglücke. Sie empfänden mit besonderem Dank und aufrichtiger Freude das Glück, Mitglieder dieser Gemeinschaft zu sein, die ihren Mittelpunkt im Papste in Rom habe. Die Versicherung, daß sie dieses Glück im eigenen Herzen bewahren und ihre Landsleute nach Möglichkeit daran teilnehmen lassen wollten, sei wohl der beste Ausdruck, des Dankes für alles Gute und Liebe, das sie heute und früher von katholischer Seite empfangen hätten".
Herr Professor Dr. Berg erwiderte unter dem stürmischen Beifall der munteren Studentenschar, indem er in französischer Sprache ausführte, welche Freude die Vertreter der großen Missionsvereine des Werkes der hl. Kindheit und des Werkes der Glaubensverbreitung am heutigen Tage empfunden hätten, als sie die Gäste aus so weiter Ferne mit den Sehenswürdigkeiten der alten Kaiserstadt Aachen hätten vertraut machen können. "Diese Gefühle der Freude wie auch des Dankes für Ihren lieben Besuch möchte ich dadurch zum Ausdruck bringen, daß ich Sie nenne unsere Freunde. Wir beide stammen aus Ländern von hoher und z. Tl. sehr alter Kultur. Sie teilen mit uns das Streben nach hohen Idealen, den Idealen echter Kultur, wahrer Volksbeglückung und tiefbegündeter Völkerversöhnung. Sie üben mit uns Deutschen die Werke wahrer Humanität und Menschenbeglückung. Wir beide nehmen gleichsam wie aus der irdischen gemeinsamen Sonne so aus diesen hohen Idealen Licht und Kraft und Leben. Ja, ich nenne Sie in diesem Sinne unsere Freunde. Ja, noch mehr, ich nenne Sie unsere Brüder; denn wie Ihr Herr Redner in Ihrer aller Namen das Glück der Zugehörigkeit zur katholischen Kirche freudigst betonte, so sind auch wir glücklich, mit Ihnen in derselben Gottesfamilie auf Erden vereinigt zu sein. Uns alle erleuchtet und erwärmt und beseligt die Sonne des übernatürlichen Lebens. Wir haben dieselbe Kraftquelle in den heiligen Sakramenten, denselben Vater in unserm gemeinsamen Oberhaupte Papst Pius XI., dem Freunde aller völkerversöhnenden Bestrebungen. Wir alle wohnen in demselben Vaterhaus, in dessen Wohnung Aufnahme finden sollen alle, die wahrheitsdurstig nach der letzten und höchsten Wahrheit schmachten. Bewahren wir uns diese gegenseitige Achtung, seien wir, ein jeder von uns,
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stolz auf unser irdisches Vaterland mit seinen großen historischen und kulturellen Werten, seien wir glücklich als Brüder in der großen übernatürlichen Gottesfamilie auf Erden, der katholischen Kirche!"
Der Abschiedsdank und -Gruß der chinesischen akademischen Korona gipfelte in dem chinesischen Sprichwort: "Wenn du mir einen Meter gibst, gebe ich dir 10 Meter zurück".
Empfohlene Zitierweise
Berg, Ludwig, Katholisches Hilfswerk für die in Deutschland studierenden Chinesen, Aachen vom 07. Juni 1929, Anlage, in: 'Kritische Online-Edition der Nuntiaturberichte Eugenio Pacellis (1917-1929)', Dokument Nr. 17448, URL: www.pacelli-edition.de/Dokument/17448. Letzter Zugriff am: 22.04.2024.
Online seit 20.01.2020, letzte Änderung am 28.10.2019.