Dokument-Nr. 19390

Im Reich der Klöster
Filchner über seine Tibetexpedition, in: Recht und Leben, Wochenbeilage der Vossischen Zeitung Nr. 38, 20. September 1928
Im Jahre 1925 trat Dr. Wilhelm Filchner seine große Tibet-Expedition an. Zweiundeinhalb Jahre hat diese an Gefahren und Not, aber auch an wissenschaftlicher Ausbeute reiche Unternehmung gedauert. Eine Leistung, die dem mutigen deutschen Forschungsreisenden und der deutschen Forschung zum Ruhme gereicht, zumal diese Expedition mit etwas spärlichen finanziellen Mitteln ausgerüstet war und Wilhelm Filchner sich durch mancherlei Entbehrungen durchkämpfen mußte, um seine schwierige Aufgabe - die geographische Vermessung der tibetanischen Hochebene - mit Erfolg durchzuführen.
Wie er dieses Ziel erreichte und was er auf dem Wege dahin im Reiche der buddhistischen Klöster erlebte, davon berichtete der Gelehrte selber Dienstag abend [sic] im Bach-Saale vor einer dich sich drängenden Zuhörerschar, die ihn begeistert begrüßte. Filchner ist Süddeutscher; und er spricht in der kernigen, holzschnitthaften Weise süddeutschen Stiles ohne Pathos und Prunk und mit jenem urwüchsigen Humor, hinter dem sich das selbstlose Heldentum des Forschungsreisenden bescheiden verbirgt.
Nach gründlicher Vorbereitung zieht er in das nur wenig erschlossene Riesengebiet des östlichen Chinas hinaus, umwandert die Steppen der Mongolei, die Wüste Gobi, kommt mit den Wirren des chinesischen Bürgerkrieges in Berührung, dringt von Nordosten her in die tibetanischen Hochebene ein, durchquert sie zuerst in nordsüdlicher Richtung und beendet seine Expedition in einem gewaltigen Marsche in westlicher Richtung, der ihn bis zu den Quellen des Indus und an die Grenzen des indischen Reiches führt. In der Weltabgeschiedenheit einer tibetanischen Klosterstadt erlebt Filchner 1926/27 einen furchtbaren Winter. Seine Mittel sind erschöpft, er hungert und fristet sein Dasein von den Almosen tibetanischer Mönche. Bei einer Temperatur, die auf minus 35 Grad Celsius herabsinkt, erfrieren ihm Hände und Füße. Er bricht den Arm, erkrankt an einer Gallensteilkolik. Die Einwohner des Landes betrachten ihn mit Argwohn: vielleicht verrichtet dieser deutsche Forscher mit seinen Meßinstrumenten Werke des Teufels. Und mitten in allen diesen Leidensschicksalen führt Dr. Filchner seine Arbeit mit nie versagender Lebenskraft fort. Bis ihn im letzten Augenblick ein Geleitschreiben des Dalai Lama selber aus seiner qualvollen Lage erlößt.
An Hand zahlreicher vortrefflicher Lichtbilder erzählte Dr. Filchner gestern von dem profanen und geistlichen Leben der Tibetaner, heitere Geschichten von dem sentimentalen Haustier Yak und von ihrem Familienleben, und vor allem von den großen buddhistischen Klöstern, den religiösen Gebräuchen und Festen, den Gebetsriten und den Tempeltänzen, die die Erlebnisse der Seele im Jenseits in tiergestaltigen Dämonenmasken veranschaulichen. Es machte tiefen Eindrck, als der Forschungsreisende am Schluß seiner fesselnden Ausführungen, nach der eindrucksvollen Schilderung seiner Nöte seine Sehnsucht nach der Rückkehr in dieses Reich der Klöster bezeugte. Und es sei nicht vergessen, daß er in den letzten Worten seines Vortrages, in denen er die Notwendigkeit weltpolitischen Denkens betonte, ein offenes Bekenntnis für die Stärkung des Friedensgedankens, für die Annäherung der Völker ablegte.
Empfohlene Zitierweise
Anlage vom 20. September 1928, Anlage, in: 'Kritische Online-Edition der Nuntiaturberichte Eugenio Pacellis (1917-1929)', Dokument Nr. 19390, URL: www.pacelli-edition.de/Dokument/19390. Letzter Zugriff am: 02.03.2024.
Online seit 20.01.2020.