Kulturkampf in Bayern

Zwischen 1870 und 1890 kam es in Bayern zu einer Verschärfung der schon lange davor bestehenden Auseinandersetzung zwischen Kirche und Staat um den Umfang und die Ausübung der staatlichen Kirchenhoheitsrechte, die seit dem Konkordat und dem Religionsedikt von 1817/18 besonders ausgeprägt waren.
Zentraler Akteur dieses Kulturkampfes auf staatlicher Seite war der Kultusminister Johann von Lutz. Er wollte vor allem die Unabhängigkeit des Staates und seiner Bürokratie gegenüber den gesellschaftlichen Kräften gleich welcher Couleur verteidigen – also auch gegenüber der katholischen Kirche. Er hatte dabei den Rückhalt des bayerischen Königs Ludwig II. und des preußischen Ministerpräsidenten und Reichskanzlers Otto von Bismarcks, aber auch des liberalen Besitz- und Bildungsbürgertums.
Schon im Vorfeld des Ersten Vatikanischen Konzils wurde ein päpstliches Unfehlbarkeitsdogma erwartet, das Pius IX. dann tatsächlich am 18. Juli 1870 verkündete. So hatte die bayerische Regierung den bayerischen Episkopat angewiesen, auf dem Konzil keinen Beschlüssen zuzustimmen, die den Grundprinzipien der Staatsverfassung widersprachen. Lutz forderte für die Verkündung und Umsetzung der Konzilsbeschlüsse in Bayern von den Bischöfen die Einholung des königlichen PlazetS. Alle bayerischen Bischöfe außer dem Bamberger Erzbischof Michael von Deinlein holten das Plazet jedoch nicht ein, Deinlein wurde es verwehrt.
Am 10. Dezember 1871 erlangte der von Reichsrat und Reichstag beschlossene "Kanzelparagraph" auch in Bayern Gesetzeskraft. Er drohte den Geistlichen aller Religionen, sollten sie in der Ausübung ihres Amtes eine Stellungnahme zu politischen Angelegenheiten abgeben, einer Freiheitsstrafe an. Ebenso galten das sogenannte Jesuitengesetz vom 4. Juli 1872 – wobei die Jesuiten in Bayern ohnehin seit 1773 verboten waren und nur in Regensburg eine Niederlassung hatten – und das Reichszivilehegesetz vom 6. Februar 1875 in Bayern. Die weiteren Auseinandersetzungen wurden seitens der Regierung mit Hilfe von Verordnungen geführt.
Allerdings war der Kulturkampf in Bayern bei weitem nicht so heftig wie in Preußen. Das lag einerseits an der katholischen Prägung des Landes, andererseits lehnte die Zweite Kammer der bayerischen Ständeversammlung den Kulturkampf ab. Vor allem wollte Lutz die staatliche Autorität durchsetzen und nicht wie Bismarck die Zentrumspartei bekämpfen. Auch sah das bayerische Staatskirchenrecht etwa durch das königliche Nominationsrecht bei der Besetzung der Bischofsstühle bereits weitreichende Eingriffsmöglichkeiten des Staates in die kirchlichen Angelegenheiten vor. Dennoch sorgte der bayerische Kulturkampf für Unruhe im Land, für eine verschärfte Opposition zwischen Parlament und Regierung und für Erbitterung nicht nur beim katholischen Teil der Bevölkerung.
Die Auseinandersetzungen sorgten daneben für erhebliche Spannungen zwischen Bayern und dem Vatikan. Die Münchener Nuntiatur als einzige diplomatische Vertretung der Kurie im Reich wurde nur aus praktischen Erwägungen nicht geschlossen.
In Bayern kam es in den 1880er Jahren anders als in Preußen zu keinem Ende des KulturkampfeS. Vielmehr spitzte er sich durch das Erstarken der katholisch orientierten Patriotenpartei, die die Kulturkampfverordnungen rückgängig machen wollte, noch einmal zu. Lutz kam ihnen nur teilweise entgegen, stellte aber beispielsweise die Unterstützung der Altkatholiken ein. In der Prinzregentenzeit Luitpolds von Bayern ab 1886 wurden weitere Maßnahmen der 1870er Jahre rückgängig gemacht.
Literatur
ALBRECHT, Dieter, Von der Reichsgründung bis zum Ende des Ersten Weltkrieges (1871-1918), in: SCHMID, Alois (Hg.), Handbuch der bayerischen Geschichte 4: Das neue Bayern. Von 1800 bis zur Gegenwart, Teilbd. 1: Staat und Politik, München 22003, S. 318-438, hier 369-376.
LINDNER, Dieter, Die Entwicklung der Kulturkampfgesetze in Bayern und Preußen, München 1977.
SOUTHERN, Gilbert Edwin, The Bavarian Kulturkampf. A Chapter in Government, Church, and Society in the early Bismarckreich, Ann Arbor 1977.
Empfohlene Zitierweise
Kulturkampf in Bayern, in: 'Kritische Online-Edition der Nuntiaturberichte Eugenio Pacellis (1917-1929)', Schlagwort Nr. 5065, URL: www.pacelli-edition.de/Schlagwort/5065. Letzter Zugriff am: 25.02.2024.
Online seit 04.06.2012, letzte Änderung am 17.12.2014.
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