Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD) in Sachsen

Während des Ersten Weltkriegs spalteten sich auch in Sachsen die Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD) in einen Unabhängigen (USPD) und einen Mehrheitsflügel (MSPD). Jedoch trat nur der Bezirk Leipzig benahe geschlossen zur USPD über, so dass die MSPD bis auf regionale Ausnahmen in den meisten Gebieten Sachsens ihre dominante Position innerhalb der Arbeiterschaft behaupten konnte.
Da jedoch die nach der Novemberrevolution 1918 auch in Sachsen gebildete sozialliberale Koalition – die SPD hatte bei den Wahlen zur Volkskammer am 2. Februar 1919 41,6% der Stimmen bzw. 42 Mandate gewonnen – in Verbindung mit Reichswehr und Freikorps gegen revoltierende Arbeiter einschritt und gleichzeitig prinzipiell eine Mehrheit für eine sozialistische Einheitsregierung bestand, schwenkte die MSPD immer weiter nach links. Gleichzeitig erneuerte sich die schon vor dem Kriege bestehende Polarisierung zwischen sozialistischen und bürgerlichen Parteien, die in der Folgezeit eine Zusammenarbeit beider Lager erschwerte, oft sogar verhinderte. Nach den Landtagswahlen am 14. November 1920, bei denen die SPD nur noch auf 28,3% bzw. 27 Mandate kam, setzte sich schließlich die Richtung durch, die eine von der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) tolerierte Koalition aus MSPD und USPD einer Zusammenarbeit mit Deutscher Demokratischer Partei (DDP) und Deutscher Volkspartei (DVP) vorzog.
Die linksrepublikanische Regierung betrieb energische Reformen insbesondere in den Bereichen Schul- und Kommunalpolitik, im Justiz- und Polizeiwesen sowie in der Wirtschaft. Im Herbst 1922 vereinigten sich beide Parteien relativ konfliktfrei zur Vereinigten SPD (VSPD). Die wiedervereinigte Partei kam bei den Landtagswahlen am 5. November 1922 wieder auf 41,8%. Die schwankende Haltung der KPD und die gespaltene Haltung der SPD verhinderten zunächst ein formelles Regierungsbündnis zwischen beiden Parteien. Erst im Zusammenhang mit den Bestrebungen, einen "Deutschen Oktober" auszulösen, traten die Kommunisten im Oktober 1923 in die Regierung ein. Obgleich die deutsche Oktoberrevolution wegen des Widerstandes nicht nur der SPD, sondern auch von Teilen der sächsischen KPD ausfiel, verhängte die Reichsregierung Ende Oktober die Reichsexekution gegen Sachsen und setzte die Regierung ab. Zwar konnte durch die Bildung einer von der DDP tolerierten sozialdemokratischen Minderheitsregierung die Errichtung einer Rechtsdiktatur in Sachsen verhindert werden, doch erbitterten die Vorgänge die Partei und vertieften die Spaltung zwischen den Parteiflügeln.
Dieser "Sachsenkonflikt" verschärfte sich weiter, als 1924 Landtagsabgeordnete des rechten Parteiflügels eine Koalition mit DDP und DVP bildeten, während die Abgeordneten des linken Flügels in der Opposition verblieben. Im Juni 1926 kam es zur Spaltung, als aus dem rechten Parteiflügel die Alter Sozialdemokratische Partei (ASP) hervorging. In den folgenden Jahren wurde die Lage für die SPD immer schwieriger. So begann die KPD 1928/29 mit dem Kampf gegen den "Sozialfaschismus", was eine Zusammenarbeit mit ihr unmöglich machte. Daneben mussten die Sozialdemokraten bei der Landtagswahlen Stimmverluste hinnehmen –bei denen am 31. Oktober 1926 kam sie nur noch auf 32,1% der Stimmen bzw. 31 Mandate und sie konnten ihre Position auch beiden den folgenden 1929 und 1930 nur minimal verbessern –, so dass es nicht mehr möglich war, eine "Arbeiterregierung" zu bilden. Schließlich wandte sich auch die sächsische DVP vehement gegen eine Koalition mit den Sozialdemokraten. Damit war SPD – auch wenn sie das bürgerliche Kabinett unter Walther Schieck tolerierte – im Großen und Ganzen bis zum Ende der Weimarer Republik in Sachsen zur Passivität verurteilt.
Beteiligung an der Landesregierung 1919-1929:
Kabinett Ministerposten
Rat der Volksbeauftragten Lipinski (15. November 1918 bis 21. Januar 1919) Justiz (Georg Gradnauer), Kultus (Johann Wilhelm Buck), Arbeit und Wohlfahrt (Albert Schwarz)
Rat der Volksbeauftragten Gradnauer (21. Januar 1919 bis 14. März 1919) Vorsitzender, Äußeres und Inneres (Georg Gradnauer), Justiz (Rudolf Harnisch), Finanzen (August Emil Nitzsche), Militärwesen (Gustav Neuring), Kultus (Johann Wilhelm Buck), Arbeit und Wohlfahrt (Max Wilhelm August Heldt), Wirtschaft (Albert Schwarz)
Kabinett Gradnauer II (14. März 1919 bis 4. Mai 1920) Ministerpräsident (Georg Gradnauer), Inneres (Georg Gradnauer, ab 21. März 1919 Otto Uhlig), Justiz (Rudolf Harnisch), Finanzen (August Emil Nitzsche, bis Oktober 1919), Militärwesen (Gustav Neuring, bis 12. April 1919, ab 26. April 1919 Bruno Kirchhof, bis August 1919), Kultus (Johann Wilhelm Buck, bis 4. Oktober 1919), Arbeit und Wohlfahrt (Max Wilhelm August Heldt), Wirtschaft (Albert Schwarz)
Kabinett Buck I (4. Mai 1920 bis 9. Dezember 1920) Ministerpräsident (Johann Wilhelm Buck), Inneres (Otto Kühn), Justiz (Rudolf Harnisch), Arbeit und Wohlfahrt (Max Wilhelm August Heldt), Wirtschaft (Albert Schwarz)
Kabinett Buck II (9. Dezember 1920 bis 5. Dezember 1922) Ministerpräsident (Johann Wilhelm Buck), Inneres (Otto Kühn, ab 11. Dezember 1920 Robert Richard Lipinski), Justiz (Rudolf Harnisch, ab 1. August 1921 Erich Zeigner), Finanzen (ab 13. Dezember 1920 Max Wilhelm August Heldt), Wirtschaft (Albert Schwarz, ab 1. Mai 1921 Alfred Karl Fellisch)
Kabinett Buck III (5. Dezember 1922 bis 21. März 1923) Ministerpräsident (Johann Wilhelm Buck), Inneres (Robert Richard Lipinski, bis 2. Februar 1921), Justiz (Erich Zeigner), Finanzen (Max Wilhelm August Heldt), Arbeit und Wohlfahrt (Paul Ristau), Wirtschaft (Alfred Karl Fellisch)
Kabinett Zeigner (21. März 1923 bis 29. Oktober 1923) Ministerpräsident (Erich Zeigner), Inneres (Hermann Liebmann, ab 1. April 1923), Justiz (Erich Zeigner, ab 15. August 1923 Alfred Neu), Finanzen (Max Wilhelm August Heldt, bis 11. Oktober 1923), Volksbildung (Hermann Fleißner), Arbeit und Wohlfahrt (Paul Ristau, ab 1. April 1923 Georg Graupe), Wirtschaft (Alfred Karl Fellisch, bis 11. Oktober 1923)
Kabinett Fellisch (31. Oktober 1923 bis 04. Januar 1924) Ministerpräsident (Alfred Karl Fellisch), Inneres (Hermann Liebmann), Justiz (Alfred Neu), Finanzen (Max Wilhelm August Heldt), Volksbildung (Hermann Fleißner), Arbeit und Wohlfahrt (Georg Elsner), Wirtschaft (Alfred Karl Fellisch)
Kabinett Heldt I (4. Januar 1924 bis 12. Januar 1927) Ministerpräsident (Max Wilhelm August Heldt), Inneres (Max Müller), Arbeit und Wohlfahrt (Georg Elsner), Wirtschaft (Hermann Müller), alle traten 1926 zur ASP über.
Literatur
FALTER, Jürgen / LINDENBERGER, Thomas / SCHUMANN, Siegfried, Wahlen und Abstimmungen in der Weimarer Republik. Materialien zum Wahlverhalten 1919-1933 (Statistische Arbeitsbücher zur neueren deutschen Geschichte), München 1986, S. 108.
GROSS, Reiner, Geschichte Sachsens, Leipzig 42012, S. 254-270.
VOIGT, Carsten, Kampfbünde der Arbeiterbewegung. Das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold und der Rote Frontkämpferbund in Sachsen 1924-1933 (Geschichte und Politik in Sachsen 26), Köln / Weimar / Wien 2009, S. 47-64, 201-219, 413-432.
Empfohlene Zitierweise
Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD) in Sachsen, in: 'Kritische Online-Edition der Nuntiaturberichte Eugenio Pacellis (1917-1929)', Schlagwort Nr. 6098, URL: www.pacelli-edition.de/Schlagwort/6098. Letzter Zugriff am: 27.01.2023.
Online seit 31.07.2013, letzte Änderung am 06.05.2019.
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