Dokument-Nr. 9840
Piękniewski, Edmund an Pius XI.
Berlin, 04. Oktober 1922

Heiliger Vater.
In tiefster Demut erlaube ich mir an Ew. Heiligkeit zu schreiben. Ich will Priester werden. Ich bin schon ganz verzweifelt, da alles was ich zu diesem Zwecke begann, fehl ging. Zum letzten Mal will ich versuchen meinen Jugendwunsch in Erfüllung zu bringen, wenn Ew. Heiligkeit mir die Hand dazu reichen, damit einstmals auch über meinem Haupte die Worte des Psalmisten gesungen werden:
Tu es sacerdos in aeternum
secundum ordinem Melchisedech.
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Ich bin am 28. August 1903 als Sohn des Kaufmanns Carl P. und seiner Ehefrau Walerja zu Berlin geboren. Bis zum 11. Lebensjahr besuchte ich die 88. Gemeindeschule und ging dann zur XII. Realschule, da ich Beamter werden sollte. Mit dem innigsten Wunsche beseelt Priester zu werden, ging ich 1918 von der Reaschule ab, um Latein und Griechisch nachzuholen. Umstände halber kam ich erst 1919 dazu. 1920 unterzog ich mich der Aufnahmeprüfung am Luisenstädtischen (humanistischen) Gymnasium und kam in die Ober-Tertia. Meiner
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mangelnden Lateinischen und Griechischen Kenntnisse wegen erhielt ich 1921 nicht die Reife nach der Unter-Sekunda. Um nun schneller zu meinem Ziele zu gelangen, bewarb ich ipso anno um die Aufnahme ins Privatgymnasium der Salesianer zu Unter-Waltersdorf b. Wien. Da ich aber merkte, dass ich zum Ordenspriester keinen Beruf habe, kam ich Anfang dieses Jahres nach Berlin zurück und ging in eine Privatanstalt. Wegen ständiger Preissteigerung wurde ich gezwungen, mich vor einer Woche der Aufnahmeprüfung in die Ober-Sekun-
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da des Askanischen Gymnasiums zu unterziehen leider, wie ich voraussah, ohne Erfolg. Ich wusste mir keinen Rat, was ich beginnen sollte, um meinen Wunsch erfüllt zu sehen. Da erinnerte ich mich der Worte, die der Kardinal nach der Papstwahl dem Volke zuruft:
Papam habemus!
Und so wende ich mich vertrauensvoll an Ew. Heiligkeit als meinen geistigen Vater, und bitte innigst um Aufnahme in das Germanicum zu Rom. Vielleicht kann ich mich dort neben den
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höheren Studien zum Abiturium, das ich dann in dem Lande ablege, in dem ich mich entschliesse als Weltpriester zu wirken. Sollte es nicht möglich sein im Germanicum Aufnahme zu finden, so bitte ich recht herzlich und innig mich einem anderen entsprechenden
Studienhause zu überweisen. Es wäre die grösste Freude meiner geliebten Eltern, wenn es ihnen ermöglicht würde den einzigen Sohn, das einzige Kind Gott zu weihen.
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In der Hoffnung auf recht baldige Erfüllung meiner herzlichen und innigen Bitte verbleibe ich
Ew. Heiligkeit bis zum Tode
gehorsamster Sohn
Edmund Piękniewski.
Empfohlene Zitierweise
Piękniewski, Edmund an PiusXI. vom 04. Oktober 1922, Anlage, in: 'Kritische Online-Edition der Nuntiaturberichte Eugenio Pacellis (1917-1929)', Dokument Nr. 9840, URL: www.pacelli-edition.de/Dokument/9840. Letzter Zugriff am: 26.11.2022.
Online seit 31.07.2013.